Test: BMW 730i – Sechs im Siebener

Die Bosse der Bosse fahren Zwölfzylinder. Für die Kleinen unter den ganz Großen bietet BMW den 7er mit Sechszylinder an. Ohne Modellschriftzug erkennt kaum ein Außenstehender den Unterschied.

Andererseits: Wären die höchsten Sphären von Macht und Einfluss nicht derart von Eitelkeiten geprägt, müsste jeder mit Stolz zur Schau tragen, „nur“ einen 730i zu fahren.
Denn der Motor ist ein Meisterwerk. Inzwischen vom 130i über den 330i, 530i und 630i beinahe in jeder Baureihe im Einsatz, ist der 3,0-Liter-Reihensechszylinder auch im 7er weit mehr als die Abrundung nach unten. Seine 258 PS haben mit dem hohen Leergewicht von fast 1,9 Tonnen in 90 Prozent der Fälle leichtes Spiel. Zügig ist man auf gehobenem Autobahn-Tempo 200. Flink sind auch die beiden Sonntagsausflügler auf der Landstraße überholt - in einem Zug, versteht sich.

Für Höchstleistungen bei Spurt und Zwischensprint sind freilich hohe Drehzahlen nötig, doch nichts liebt der Reihensechser mehr. Selbst dabei bleibt er akustisch im Hintergrund, ohne den typischen BMW-Sound zu verleugnen. Als perfekter Partner entpuppt sich einmal mehr die 6-Gang-Automatik. Nie zu hektisch, reagiert sie spontan und gut dosierbar auf Gasbefehle. Nur im sportlichen S-Modus hält sie die Gänge zu lange.

Aktiver Riese

Der 7er ist - wenn auch Audi A8, Jaguar XJ und ganz besonders die neue Mercedes S-Klasse nah gekommen sind - nach wie vor der fahraktivste Vertreter der Oberklasse. Seine direkte Lenkung und das agile Handling machen schnell vergessen, dass man eine über fünf Meter lange Luxuslimousine steuert.

Die Paradedisziplin ist trotzdem das unermüdliche Kilometerfressen auf Autobahnen. Hier überzeugen nicht nur das bis in höchste Geschwindigkeitsbereiche hinein geringe Geräuschniveau und der stoische Geradeauslauf. Auch die Verbrauchswerte sorgen für positive Überraschungen. Beispiel Frankfurt - Würzburg - Nürnberg: Wir reihen uns hinter den Linksspurblockierern ein, fahren zwischen 100 und 150 km/h und verbrauchen im Schnitt 10,1 Liter. Auf freien Strecken unter Volllast errechnet der Bordcomputer Spitzen um die 16 Liter. Da gibt es zahlreiche kleine Turbo-Vierzylinder, die bei ähnlicher Fahrweise größeren Durst haben.

Was Platzangebot und Flair im Innenraum betrifft, wird der 730i jedem Chefposten gerecht. Gerne lädt man verwöhnte Geschäftspartner in den Fond ein: Lange Schenkelauflage, viel Platz für Knie, Schultern und Kopf - hier fühlt man sich auch in der zweiten Reihe wohl. Und trotzdem haben es Fahrer und Beifahrer noch einen Tick besser: Die mannigfaltig verstellbaren Sessel inklusive Popo-Kühlung und Massagefunktion (Option) sind erste Klasse. Nur die elektrische Sitzverstellung nervt anhaltend, denn die stilisierten Sitzsegmente können nicht direkt bewegt werden, sonder dienen lediglich der Auswahl. Die eigentliche Verstellung erfolgt dann über einen Extra-Joystick.

Gewohnheitssache

Kompliziert ist und bleibt auch die idrive-Steuerung im 7er, wo es statt zwei Achsen (wie etwa im 5er) deren vier gibt. Andererseits gilt auch hier: Alles eine Frage der Gewöhnung. Was auf die zum Teil nicht sonderlich hochwertig wirkenden Kunststoffe leider nicht zutrifft, etwa die silberfarbenen Zierleisten an Türen und Armaturenbrett.

63.300 Euro verlangt BMW für den Basis-7er. Wer mehr ausgeben will, bitte: Die elf Seiten starke Aufpreisliste ist äußerst exklusiv, beinhaltet unter anderem die oben beschriebenen Sitze, die mit allen Funktionen auf fast 5.000 Euro kommen, dazu Lederausstattungen zwischen 2.600 und fast 9.000 Euro, Leichtmetallfelgen zwischen 1.000 und gut 5.000 Euro oder Luxuspakete bis zu 16.000 Euro.

Fazit

Hierarchien sind da, um gebrochen zu werden. Von Anarchisten erwartet man diese Haltung, aber doch nicht von einem Weltkonzern wie BMW? Tatsächlich aber bieten die Bayern mit dem 730i ein Automobil an, das die an Dienstwagen festgemachte Karriere-Leiter ad absurdum führt. Denn der Basisbenziner bietet bereits alles, was man sich wünschen kann.

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