Erster Test: Lancia Flavia – Zitterpartie

So erfreulich die expandierende Modellpalette für Lancia auf den ersten Blick erscheinen mag, wird wohl auch das neue Cabriolet Flavia kaum verhindern können, dass der Fortbestand der Traditionsmarke eine Zitterpartie bleiben dürfte.

Diesen Eindruck kann man auch im Flavia selbst gewinnen, denn mit ihm mutiert die Dolce-Vita-Tour gelegentlich zu einer etwas zittrigen Angelegenheit. Es ist noch nicht lange her, dass Chrysler sich vom deutschen Markt verabschiedete und damit der 200 seinen Sprung über den großen Teich verpasste. Doch jetzt bekommt der Sebring-Nachfolger alias Lancia Flavia doch noch seine Chance. Mit geringen Modifikationen (andere Federn, Dämpfer und Bremsen) kommt zumindest die Cabriolet-Version mit Stoffdach zu uns. Diese bietet ein immerhin marginal verbessertes Chrysler-, allerdings kein echtes Lancia-Feeling.

Dabei vermag das viersitzige Lifestyle-Auto optisch durchaus Werte der Marke Lancia transportieren, denn der große und repräsentative Sonnenanbeter ist trotz seiner etwas langen Karosserieüberhänge durchaus ansehnlich und zudem noch alles andere als alltäglich. Doch andererseits hat man im Fiat-Konzern die Investition in den Ausbau der Lancia-Modellfamilie möglichst kostengünstig betrieben und wurde deshalb nichts von der ganz eigenen und oft auch ergreifend schwülstigen Italo-Aura der Traditionsmarke umgesetzt.

All-inclusive-Paket

Das betrifft auch den Innenraum, der eigentlich auf den US-Gaumen abgestimmt wurde. Alcantara, offenporiges Holz, stilvolle Anzeige- und Bedienelemente sucht man vergebens. Vielmehr wirkt das auf den ersten Blick durchaus luxuriös anmutende Interieur spätestens auf den zweiten Blick in vielen Details eher kosten- als geschmacksoptimiert.

Immerhin kann sich das All-Inclusive-Paket im Flavia sehen lassen: Statt langer Optionsliste gibt es nur eine Vollausstattung, die Klimaanlage, Ledersitze, einen Navi-Multimedia-Alleskönner, eine Automatik oder ein vollelektrisches Stoffdach beinhaltet – Freunden von All-You-Can-Eat-Restaurants könnte dieses zudem recht günstige Paket durchaus munden. Feinschmecker könnten hingegen das ein oder andere Amuse Bouche vermissen.

Preishammer

Mit 36.900 Euro ist der fast fünf Meter lange Flavia bereits beim Grundpreis günstiger als Mitbewerber wie Audi A5, BMW 3er oder Volvo C70. Will man diese drei dann mit der Ausstattung versehen, die der Flavia serienmäßig bietet, mutiert der offene Italiener relativ gesehen zum Schnäppchen. Doch gefühlt erlebt man den Lancia-Etikettenschwindel auch als billige Masche.

Denn abgesehen vom Offenfahrmodus, den man per Knopfdruck erst nach etwas beschaulichen 28 Sekunden erreicht hat, hält sich der Fahrspaß in eher bescheidenen Grenzen. Vorne unter der langen Motorhaube arbeitet der schon recht betagte 2,4-Liter-Benziner mit 170 PS. Zusammen mit der serienmäßigen Sechs-Stufen-Automatik kommt der gut 1,8 Tonnen schwere Flavia eher behäbig voran. 10,6 Sekunden soll der Standardsprint dauern, die Höchstgeschwindigkeit bei 195 km/h liegen. Das klingt nicht untermotorisiert, doch wenn es bergauf geht, müht sich der Vierzylinder akustisch zwar nach Kräften, das gefühlte Vortriebsmoment verleitet jedoch zum gelangweilten Fingerspiel am Lenkrad.

Zu durstig

Angesichts der Tüchtigkeit vorgaukelnden Akustik und dennoch betulichen Art des Vortriebs erstaunt vor allem der Verbrauch: Laut Herstellerangabe sollen 9,4 Liter auf 100 Kilometer verpuffen, praktisch werden es dann aber eher zwischen 11 bis 15 Liter sein. Zumindest zeigte der Bordcomputer auf unserer Testfahrt zwischen Taormina und Catania diese Werte an. Effizientere Alternativen, von denen es im Fiat-Konzern ja einige gäbe, werden für den Flavia nicht angeboten. Ein Benziner, ein Getriebe – das war’s.

Was man im Flavia angesichts des Antriebs allerdings besonders gern und gut kann, ist das entspannte Cruisen. Auf großzügigen, kaum konturierten Ledersitzen kann man sich vorne wie hinten herrlich entspannt rumlümmeln und den selbst bei höherer Geschwindigkeit meist seichten Fahrtwind unter idealerweise wärmender Sonne und in schöner Landschaft genießen. Das geht offen sogar zu viert, dann allerdings nur noch mit leichtem Gepäck. Während in den Standardkofferraum 377 Liter reingehen, halbiert sich bei offenem Dach dieser Wert.

Technische Daten
Marke und Modell Lancia Flavia
Version / Ausstattung 2.4 16V
Motor
Hubraum (ccm) / Bauart 2.360 / R4-Benziner
Leistung (kW / PS) 125 / 170
Drehmoment (Nm) / Umdrehungen 220 / 4.500
Antriebsart Frontantrieb
Getriebeart Sechs-Gang-Automatik
Abmessung und Gewicht
Länge/Breite/Höhe (mm) 4.948 / 1.843 / 1.480
Radstand (mm) 2.770
Wendekreis (m) 11,5
Leergewicht (kg) 1.781
Kofferraum (Liter) 377 - 198
Bereifung Testwagen 215/55 R 18
Verbrauch
Krafstoffart Benzin
Kombiniert laut Werk (l/100km) 9,4
CO2-Emissionen (g/km) / Abgasnorm 221 / Euro 5
AS24-Verbrauch (l/100km) k.A.
Fahrleistungen
Werksangabe 0-100km/h (s) 10,8
AS24-Sprint 0-100km/h (s) k.A.
AS24-Bremstest 100-0km/h (m) k.A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h) 195
Preise
ab (Euro) 36.990,00
Empfohlene Extras Keine, denn der Flavia wird grundsätzlich nur mit Vollausstattung ausgeliefert.
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Die Tour kann, muss aber nicht auf kurvigen Landstraßen dahingehen. Zwar sorgt das Fahrwerk für eine an sich ordentliche Straßenlage, denn die Feder-Dämpfer-Abstimmung wurde ordentlich europäisiert, doch so richtig herzhaft mag man den Lancia dennoch nicht durch Kurven scheuchen. Zu schwer und zu wenig steif ist die Karosserie, zu wenig Agilität vermittelt der Vortrieb. Werfen sich dann noch grobe Unebenheiten in den Weg, sind wir wieder bei der eingangs erwähnten Zitterpartie. Lancias Flavia ist ein durchaus erfrischender Versuch, der zur Marginalität verdammten Marke Lancia wieder zu etwas mehr Bedeutung zu gönnen. Doch so richtig nach Europa und zur italienischen Traditionsmarke mag das lediglich umetikettierte Chrysler-Cabriolet dann doch nicht passen.

Freunde des Chrysler 200 beziehungsweise des Vorgängers Sebring dürfen sich hingegen freuen, denn immerhin kommt die offene Stoffdach-Variante jetzt nach Europa. Und die bietet viel Auto und Luxus für vergleichsweise wenig Geld und ein recht typisch amerikanisches Fahrgefühl, welches aber europäischen Ansprüchen gerechter als das Chrysler-Original werden kann. Nach einem Erfolgsrezept für Lancia fühlt sich das allerdings nicht an.

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