Erster Test: Land Rover Discovery 3.0 TDV6 – Nachgelegt

Den Begriff „Facelift“ mögen die Hersteller nicht. Er hört sich zu sehr nach einer Schönheits-OP an, wenn das Alter schon gnadenlos zugeschlagen hat. Und sowas hätten ihre Autos ja ganz sicher nicht nötig.

Doch schon beim Alter fangen die Briten an zu schummeln und verkaufen den überarbeiteten Disco der dritten Generation gleich als vierte. Tatsächlich ist dieser Discovery besser als je zuvor, denn im Zuge der Operation bekam er nicht nur gestraffte Lider sondern gleich ein neues Herz verpasst: Der 245 PS starke Drei-Liter-Diesel hat das Zeug zur Referenz in diesem Fahrzeug-Segment.
Doch schon die Äußerlichkeiten zeugen vom Drang der Marke, sich vom harten Geländemeister fortzubewegen. Nicht nur büßt der neueste Discovery seine mattschwarzen Radläufe ein, was an sich schon eine Schande ist. Auch die ehemals wie aus dem Vollen gehauene Front muss nun einem grazileren Vorbau weichen der einerseits die schiere Größe des Autos herunterzuspielen und gleichzeitig sich ein wenig an Operngäste anzubiedern sucht.

Oberflächlich

Gleiches Spiel am Heck: wirkte es bisher eher einem französischen Lieferwagen entliehen, sollen nun verspiegelte Reflektoren und schicke LEDs ein wenig Glamour verbreiten. Kitsch is King?

Doch von solch offensichtlichen Oberflächlichkeiten abgesehen war die darunterliegende Basis des Discovery schon immer für ernsthafte Matschverformungen gut, weshalb sie auch in diesem Test nicht fehlt. Doch die Antwort auf die Frage, was der Glitter-Disco im Modder noch kann, gerät angesichts seiner neuen Qualitäten fast zur Nebensache.

Revolution und Evolution

Alle üblichen Schnickschnacks der Optionsliste befinden sich an Bord, doch die sind weniger wichtig als die sehr gelungene Überarbeitung des Innenraums. Chefdesigner Gerry McGovern spricht hier – im Gegensatz zur äußerlichen Evolution des Designs – von einer Revolution. Tatsächlich stellt das neue Interieur die deutlichste Abkehr vom Nutztier dar: Bisher machte das Cockpit den Eindruck auch für nachdrückliches Auskärchern gemacht zu sein. Vorbei.

Zweitwohnsitz

Das neue Cockpit jedoch ist ein Grund den Discovery als Zweitwohnsitz anzumelden, so schick und angenehm ist es. Neben neuen Hölzern ist vor allem die Mittelkonsole ansprechender, ragt nicht mehr so steil auf und ist damit einfach besser zu bedienen. Auch die Tasten auf dem Lenkrad sind noch eine Spur intuitiver bedienbar. Schließlich – und darüber sollten sich Interessenten im Klaren sein – ist die zweite Natur des Discovery die des Langstreckenläufers. Der Innenraum sollte daher auf Dauer nicht zu trist sein und gleichzeitig den Spieltrieb nicht zu sehr vergrämen. Gelungen.

Straßendynamik

Das von uns bereits viel gelobte Terrain

PKW-Komfort

Auch die Lenkung wurde optimiert, ebenso die Dämpfer. Im Ergebnis bewirken diese Maßnahmen zweierlei: Der Discovery fährt sich nun eher wie ein PKW, weniger wie ein Ausflugsdampfer. Zweitens bewirkt die höhere Präzision des Fahrwerks auch eine ungleich bessere Agilität. Kurven können wesentlich direkter angepeilt und durchzirkelt werden. Auch das Eigenlenkverhalten profitiert und ist deutlich neutraler ausgelegt, was bei Lastwechseln und Bodenwellen in schnellen Kurven Lenkkorrekturen erspart. So genau ließ sich noch kein Discovery um die Ecke werfen.

Offroad ungeschlagen

Abseits befestigter Straßen konnte kaum etwas verbessert werden, hier definierte der Land Rover III - wie er in Amerika heißt - seit seiner Markteinführung in 2004 die Messlatte. Durch die Straßenoptimierung des Fahrwerks hat die Geländetauglichkeit jedoch nicht gelitten. Und das ist bemerkenswert, denn es waren vor allem die langen Federwege und die Verschränkbarkeit der Achsen, die die Konkurrenz deklassierten. Und genau dort (bei der Konkurrenz) blieben diese Eigenschaften wegen der Straßenoptimierung als erstes auf der Strecke. Daran hat sich nichts geändert.

Dampf unter der Haube

Das Herzstück der umfangreichen Umbauarbeiten des Discovery Jahrgang 2010 ist jedoch ein neuer Dieselmotor, der über dem bisherigen 2,7 Liter Diesel angesiedelt ist. Und den übertrifft der neue Drei-Liter in allen Bereichen. Drehmoment und Leistung, Verbrauch und CO2, Ansprechverhalten und Durchzug, Kraftentfaltung und Drehwilligkeit. 245 PS und 600 Newtonmeter Drehmoment kombinieren sich mit 9,6 Liter Durchschnittsverbrauch. Landstraßen-Passagen waren bei unserer ersten Ausfahrt sogar mit 9,3 Litern zu meistern ohne sich durch einen zu bedächtigen Fahrstil lächerlich zu machen.

Fazit

Die gestiegene Agilität vermag der per Register-Doppelturbo aufgeladene Selbstzünder nun mit der notwendigen Power unterstützen. In der Summe macht das aus dem Discovery zwar keine Rennmaschine, doch die Bedächtigkeit ist nun dahin. Ohne sich eine Nachlässigkeit im Gelände zu erlauben hat die Fahrbarkeit auf der Straße am deutlichsten gewonnen.

Ergänzt wird dieser neue Spielplatz des Disco durch ein wirklich gelungenes Interieur, das Langstrecken noch kurzweiliger macht – man kann den Aufenthalt im Disco einfach nicht als Belastung empfinden.

Äußerlich gibt der neueste Discovery den Dandy. Doch ist er nach einem Geländeritt erst tüchtig eingesaut, steht er vielmehr für das Motto „Ich kann auch anders…“. Doch die Zeit des „no-nonsense“ Design ist endgültig vorbei, wie Chefdesigner Gerry McGovern betont. Konsequenterweise müsste die neue Designrichtung zumindest als „more nonsense“ bezeichnet werden, doch der elegante Brite ersetzt die bisherige Hemdsärmeligkeit lieber durch den Premiumanspruch den die Kundschaft erfüllt haben will.

Ein Manko bleibt jedoch und darf nicht unerwähnt bleiben: Das zu hohe Gewicht: Zwar wird die schiere Masse von bis zu 2,7 Tonnen Leergewicht nun besser denn je durch Fahrwerk und Motorleistung kaschiert. Doch wenn man sich vorstellt welches Sparpotenzial der überzeugende Motor in einem 400 Kilo leichteren Auto ausspielen könnte, man würde fast von einem grünen Auto sprechen wollen.

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