Erster Test: Lexus GS-F – Japanische Kampfansage

Der auf der Motorshow in Detroit 2015 vorgestellte Lexus GS-F soll der Toyota-Edeltochter die Tür in die flotte Premium-Mittelklasse öffnen.

Die japanische Kampfansage, die sich gegen Modelle wie BMW M5 oder den Mercedes E63 AMG richtet, ist zwar im Vergleich rund 100 PS schwächer auf der Brust, dafür allerdings ein interessanter Exot in der automobilen Welt, da die Japaner nicht auf turbogeladene Motoren setzen, sondern auf die altbewährte Sauger-Version. Ob er der Türöffner mit seinem 99.750 Euro teuren Einstiegspreis sein wird und ob er sich wirklich mit den Nebenbewerbern messen kann, das konnten wir auf Land- und Rennstrecken ausführlich testen. Optisch unterscheidet sich der Lexus GS-F auf jeden Fall von seinen europäischen Rivalen. Mit dem großen Diabolo-Kühlergrill mit der für Lexus-F-Modelle typischen Gitterstruktur, der leicht abfallenden Motorhaube und geschärften Linien, macht er zumindest von vorne einen dynamischen Eindruck. Die dunkel lackierten Seitenspiegel kontrastieren zur Wagenfarbe. Und durch die orange gefärbten Bremssättel, welche allerdings nicht zu jeder Wagenfarbe passen, wird ihm ein noch sportlicheres Auftreten verliehen. Die Rückansicht des Japaners ist Geschmackssache. Hier hatten wir das Gefühl, als wenn die Designer auf den letzten Drücker fertig werden mussten und den Flitzer nicht ganz zu Ende entworfen haben.

Dem Kofferraumdeckel wird mit einem Spoiler aus Carbon das Krönchen aufgesetzt - doch königlich ist anders, denn der Kofferraum verwehrt uns mehrmals den Zugang zum Inneren. Erst nach wiederholtem Drücken des Knopfes gibt er letztendlich klein bei. Wenn das Auto den Zugang gewährt, stehen 520 Liter Stauraum für Gepäck zu Verfügung.

Die sorgfältig ausgewählten Materialien im Innenraum versprühen einen sportlich-luxuriösen Charme und die Japaner schaffen es, eine harmonische Kombination aus Leder, Alcantara, Carbon und Aluminium im Naguri-Stil, einer wabenartigen Oberflächenstruktur, zu kreieren. Die auf dem Armaturenbrett sichtbaren Schrauben sind Geschmacksache. Weniger Geschmacksache hingegen ist das Navigation-Entertainment-System, welches schlichtweg kompliziert und wenig intuitiv ist. Durch die Menüs bewegt man sich mittels eines kleinen Joysticks, welcher ein feines Fingerspitzengefühl voraussetzt. Die Darstellung erfolgt erstmals über die gesamte Fläche des 12,3 Zoll großen Displays, was gerade der Navigation sehr entgegen kommt. Musikliebhaber des ausgewogenen Klangs werden durch das Mark-Levinson-Soundsystem mit nicht weniger als 17 Lautsprechern auf ihre Kosten kommen.

Von zart bis hart

Die Lexus-Rennsemmel lässt sich gemütlich sowie sportlich ambitioniert fahren. Dafür stehen die unterschiedlichen Fahrmodi Eco, Normal, Sport und Sport Plus dem Fahrer zur Seite – hinzu kommt das Torque Vectoring Differential (TVD), das die Verteilung der Antriebsmomente an der Hinterachse regelt und über die Betriebsarten Standard (für ein ausgewogenes und agiles Fahren), Slalom (spürbar agiler und direktere Rückmeldung) sowie Track (für maximale Stabilität bei hohem Tempo auf der Rennstrecke) ebenfalls anpassbar ist. Die Knöpfe zum Wählen der Programme sind allerdings etwas weit hinter dem Schaltknauf angebracht, sodass diese nur mit leichten Verrenkungen im Handgelenk zu erreichen sind. Der satte, ausgewogene V8-Motorensound lässt das Herz höher schlagen. Wer davon ein bisschen mehr im Innenraum haben möchte, der kommt auch hier auf seine Kosten, denn das neue Adaptive-Sound-Control-System verstärkt den Klang über Lautsprecher ebenfalls im Innenraum. Wer es ruhiger mag, stellt dies mittels Knopfdruck einfach aus.

  • Technische Daten

Länge: 4,91 Meter, Breite: 1,85 Meter (mit Außenspiegeln 2,09 Meter), Höhe: 1,44 Meter, Radstand: 2,85 Meter, Kofferraumvolumen: 520 Liter

5.0-Liter-V8-Saugmotor, 351 kW/477 PS, maximales Drehmoment: 530 Nm bei 4.800-5.600 U/min, 0-100 km/h: 4,6 s, Max: 270 km/h, Durchschnittsverbrauch: 11,2 Liter, CO2-Ausstoß: 260 g/km, Abgasnorm: Euro 6

Preis: ab 99.750 Euro

Auf und davon

Mit einem Tritt aufs Gaspedal spurtet der GS

11,2 Liter soll der Japan-Renner im Durchschnitt auf 100 Kilometer verbrauchen, Mercedes und BMW geben hingegen fast vier Liter weniger an. Allerdings: Egal ob Turbo oder nicht, bei artgerechter Handhabung brauchen die Sportlimousinen alle mehr und kommen gerne auf einen Verbrauch von 15 Liter pro 100 Kilometer. Auch ist der 66 Liter große Sprittank nicht gerade der größte und zwingt seinen Fahrer gut alle 450 Kilometer an die nächste Tankstelle.

Für einen schnellen Stillstand sorgt eine Brembo-Bremsanlage, die für unseren Geschmack allerdings ruhig ein wenig kräftiger zulangen dürfte. Keine Kritik gibt es dagegen am Acht-Gang-Direktschaltgetriebe, das schnell und präzise schaltet und durch die Analyse des Fahrstils versucht, Beschleunigungs-Befehle noch schneller zu befolgen. Mit Schaltwippen am Lenkrad kann der Fahrer darüber hinaus auch selber schalten und Verwalter der Gänge werden. Auch wenn der Lexus GS-F rund 100 PS weniger als seine Premium-Konkurrenten bietet, so kann er doch mithalten. Wenn sie ihn beim Knacken der Hundertermarke um ein paar Zehntel schlagen, tut das dem Fahrspaß keinen Abbruch. Verglichen mit Mercedes E63 AMG und BMW M5, die gegen Aufpreis auch die 300 km/h überschreiten, wird dem GS-F bei 270 km/h der elektronische Riegel vorgeschoben, der nicht umgangen werden kann. Dafür sind die deutschen Limousinen auch einige Tausend Euro teurer als der Japaner, was in Anbetracht einer sechsstelligen Summe aber wohl kaum eine Rolle spielen wird. Der schnittige Lexus brüstet sich dafür mit dem Extravaganz-Bonus, denn dieser ist auch gegen Aufpreis nicht bei den anderen erhältlich.

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