Meisterstück: Der Lexus LC 500 im Test

Ein 2+2-sitziges Coupé, opulent ausgestattet, Hinterradantrieb und ein V8-Saugmotor unter der Haube. Wären Sie nach dieser Beschreibung auf einen Lexus gekommen? Wohl eher nicht. Der LC 500 ist hierzulande ein Exot, doch ist er deshalb gegenüber seinen Mitbewerbern im Nachteil? Fahrbericht!

Japanische oder allgemein aus dem asiatischen Raum stammende Automobile gelten in der Regel als eher weniger emotional gestaltet. Keine Regel ohne Ausnahme, wären da beispielsweise Autos vom Schlage eines Nissan GT-R, Subaru WRX STI oder Mazda RX-7, um mal bei halbwegs jungen Fahrzeugen zu bleiben. Lexus hat sich in der Vergangenheit dafür nicht so sehr um die Produktion emotional bahnbrechender Autos gekümmert, von einem zehnzylindrigen LFA oder aktuellen RC F einmal abgesehen. Das glaubten wir zumindest, bis wir den LC 500 zwischen den Fingern hatten. Emotionen, Exklusivität, Sportlichkeit, ein handschmeichelnder Innenraum und ein messerscharfes Außendesign: Alles da. Und dann sitzt da sogar noch ein richtiger Motor unter der Haube.

56344-lexus-lc500-dynamic-019

Das Design hat nicht nur uns den Kopf verdreht

Sie merken, der Lexus LC 500 hat uns ein wenig den Kopf verdreht. Weil das Oberstübchen stetig den Haken an der Sache sucht und es nicht wahrhaben will, dass ein solches Automobilkunstwerk noch im Jahr 2019 tatsächlich kaufbar ist. Doch beginnen wir mit dem Exterieur: Die ungewöhnliche Gestaltung fällt auf, im positiven Sinne. Man muss als - zumindest hierzulande - Exotenhersteller auch ein bisschen aus dem Rahmen fallen, sonst geht man in der Masse unter. Der LC 500 geht nicht unter. Selten haben wir so positive Reaktionen auf ein Auto erlebt: Von hupenden und den Daumen nach oben zeigenden Fahrern von Vertreterdieseln über scharenweise stehenbleibenden Passanten bis hin zum etwa siebenjährigen Kind, das bei seinem Anblick beinahe vom Tretroller fiel. Wir halten fest: Das Design scheint zu funktionieren.

56342-lexus-lc500-detail-013

Interieur: Erstklassig mit zwei kleinen Ausnahmen

Das schöne am Lexus LC 500 ist: Es geht im Innenraum mindestens so gut weiter. Denn anders als bei vielen anderen Herstellern haben die Designer nicht nach Fertigstellung des Exterieurs einfach aufgehört zu arbeiten. Und anders als bei fast allen anderen Herstellern erhält der Käufer eines LC 500 wertigst verarbeitetes Leder, Wildleder und hochflorigen Teppichboden an allen möglichen und unmöglichen Positionen stets und ohne Aufgeld. Und den Eindruck, dass hier so gut wie keine Massenware eingebaut wurde, gibt es gratis obendrauf. So wären alleine die Türverkleidungen einen eigenen Absatz wert. Das nicht nur virtuell verschiebbare Rundinstrument ist eine Schau für sich, die Haptik aller Knöpfe, Schalter und Lederapplikationen auf einer Wellenlänge mit Bentley. Wenn da nicht zwei Dinge wären: Die kaum vorhandenen Ablagemöglichkeiten führen dazu, dass man sehr intensiv die nicht zum Rest des Interieurs passenden Türtaschen nutzt. Sie fallen aufgrund ihrer preisgünstigen Ausarbeitung ziemlich aus dem Rahmen. Der andere Rüffel geht in Richtung des Infotainmentsystems, welches sich mittels Touchpad - gelinde ausgedrückt - sehr abenteuerlich bedienen lässt. Zumal selbst einfache Dinge wie die Sitzheizung umständlich hierüber eingestellt werden müssen.

56397-lexus-lc500h-detail-014

Motorklang oder doch Mark Levinson?

Wenn wir uns zwischen Auspuffklang und Audiosystem entscheiden müssten, bräuchten wir außergewöhnlich lange Bedenkzeit. Da steht auf der einen Seite das Soundsystem von Mark Levinson (als Bestandteil der Ausstattungs-Pakete Performance, Touring oder Sport erhältlich) mit 13 Lautsprechern und einer Klangdynamik, wie wir sie in einem Automobil selten erlebt haben. Für ein System, das in einer so schwierigen Umgebung wie einem Coupé eingebaut wird, leistet es außergewöhnlich viel. Sowohl Höhen als auch Bässe werden mit einer Präzision dargestellt, dass es ein Genuss ist, Musik auf maximaler Lautstärke zu hören. Und das Hörerlebis ist gar so gut, dass man eben nicht entnervt nach zwei Minuten die Lautstärke wieder herunterregelt. Wäre da auf der anderen Seite nicht der fünf Liter große Achtzylinder-Sauger an Bord.

56352-lexus-lc500-detail-011

Gerade beim Kaltstart und einem kräftigen Tritt aufs Gaspedal tritt dieser sehr stimmgewaltig in Erscheinung. Dabei ähnelt der Klang nicht den großvolumigen, basslastigen US-Achtzylindern, sondern mit seinem hohen, etwas nervösen Grundton vielmehr dem gewisser italienischer Manufakturen. Doch anders als dort kommt der Klang besonders von hinten, aus der doppelflutigen Abgasanlage. Er durchströmt nicht permanent das gesamte Auto, was dem Musik- und Reisegenuss (s.o.) sehr zugute kommt, da das Gehör auch mal abschalten kann. Bewegt man den Lexus LC 500 mit Richtgeschwindigkeit auf der linken Spur, ist es im Innenraum beinahe flüsterleise. Und nur, wer wirklich sportlich unterwegs sein möchte, bekommt den Achtzylinder dann auch zu hören. So soll es sein in einem waschechten GT.

56393-lexus-lc500h-detail-009

Sportlichkeit trifft auf Komfort

Dazu gehört auch, den Spagat zwischen Langstreckenkomfort und Sportlichkeit zu schaffen. Bei der Konstruktion des LC 500 hat der Alltags- und Reisekomfort eine durchaus höhere Priorität eingenommen. Das ist in der heutigen Zeit bemerkenswert, fällt doch in jedem zweiten Satz einer Pressemitteilung zu neuen Automobilen der Hinweis, wie dynamisch und sportlich das umworbene Produkt sei. Die dementsprechend verbauten verstellbaren Fahrwerke können demnach meistens nur den Wechsel von "hart" auf "sehr hart", bieten aber kaum noch Abrollkomfort. Der LC 500 ist da anders, rollt extrem sanft ab und selbst auf schlechten Straßen und trotz der tiefen Sitzposition gibt es kaum Verhärtungen die zum Fahrer durchdringen. Nicht einmal der Wechsel zwischen den Fahrmodi "Comfort" und "Sport S+" sorgt für eine sonderlich negative Veränderung des Fahrkomforts, sodass auch im Dynamikmodus längere Autobahnetappen locker möglich wären. Was den einen freut, wird beim ambitionierten Sportfahrer womöglich auf wenig Gegenliebe treffen. Denn obwohl man jedwede elektronische Fahrhilfe deaktivieren kann und auch das Automatikgetriebe im Bedarfsfall nicht von alleine schaltet - in letzter Konsequenz fehlt dann eben doch das gewisse Sportwagengefühl, welches dieses Coupé von außen durchaus suggeriert.

56375-lexus-lc500-dynamic-032

Gefühllosigkeit nur in der Lenkung

Das liegt gar nicht mal am satten Eigengewicht des Lexus LC 500 von mindestens 1.900 Kilogramm, sondern vielmehr an der durchwegs gefühllosen Lenkung. Sie gibt dem Fahrer praktisch keine Rückmeldung darüber, wie es um die Vorderachse gerade bestellt ist. Positiv ist hingegen, dass sie sehr direkt übersetzt arbeitet, die oben genannten Fettpölsterchen gut zu kaschieren weiß und sich bei höherem Tempo verhärtet, was dem Autobahnkomfort zugute kommt. Eine (ohnehin überflüssige) Einstellungsmöglichkeit der Lenkgewichtung existiert derweil nicht.

56360-lexus-lc500-detail-012

Zehn Gänge sind im Lexus nicht zu viele

Dass die Lenkung vergleichsweise negativ auffällt liegt vielleicht auch an den übrigen Komponenten, die allesamt ein dickes Lob verdienen. Während wir über das famose Fahrwerk bereits sprachen, ist es auch das 10-Gang-Getriebe des LC 500, das seine Arbeit so fantastisch macht, dass wir unser Misstrauen gegenüber so vielen Fahrstufen ablegen mussten. Die Eigenentwicklung schaltet dermaßen verschliffen und sanft, dass es eine wahre Freude ist. Sie wühlt auch nicht permanent im Gänge-Menü auf der Suche nach der richtigen Übersetzung, sondern trifft schlichtweg immer die Fahrstufe, die der Fahrsituation entspricht. Auf Gasbefehle reagiert sie mit blitzschnellem Runterschalten und überspringt direkt mehrere Gänge, bei manuellen Eingaben arbeitet sie gar so flugs wie ein Doppelkupplungsgetriebe. Und dank des zehnten Gangs sind auch hohe Autobahntempi ohne erhöhtes Drehzahlniveau möglich, was den Verbrauch des Achtzylinders spürbar senkt.

56382-lexus-lc500-dynamic-014

Verbrauch: Wer braucht da noch einen Hybrid?

Die realisierbaren Werte sind dabei erstaunlich. So verbrauchten wir auf zurückhaltend gefahrener Langstrecke im Schnitt rund 10 Liter Super Plus auf 100 Kilometer. Im Alltagsbetrieb mit hohem Kurzstreckenanteil kamen wir auf 11,5 Liter Durchschnittsverbrauch. Nur eine mit durchweg hohen Autobahntempi gefahrene Nachtetappe über die Kasseler Berge quittierte der intern 2UR-GSE genannte V8 mit einem Verbrauch von durchschnittlich 17 Litern. Ein völlig im Rahmen liegender Wert, zumal der Sportmotor trotz 464 PS und 530 Newtonmetern alle Hände voll zu tun hat, das fast zwei Tonnen schwere Coupé auf Touren zu bringen.

56370-lexus-lc500-dynamic-033

Ein Saugmotor ist ein Saugmotor ist ein...

Was nicht bedeuten soll, dass man im LC 500 langsam unterwegs ist. Doch die sehr spontane Gasannahme und der traumhafte Sound beim Ausdrehen täuschen etwas darüber hinweg, dass der Grand Tourer sehr ordentlich, aber eben auch nicht übermotorisiert ist. Die Leistungsreserven reichen stets für alle Fahrsituationen aus und doch wünscht man sich in seltenen Momenten noch etwas mehr Druck. Andererseits ist ein V8-Saugmotor schon lange aus sämtlichen Regalen deutscher Hersteller verschwunden und es schwingt stets ein bisschen Wehmut mit, wenn der Fünfliter herrlich linear über das gesamte Drehzahlband bis in den Begrenzer marschiert. Für ein solch emotionales Fahrerlebnis sind dann auch irgendwelche Beschleunigungswerte vollkommen nebensächlich.

56372-lexus-lc500-static-001

Fazit

Das ist denn auch das passende Schlusswort zu unserem Test, der nach zwei Wochen und über 1.500 Kilometern leider sein Ende fand. Der Lexus LC 500 ist ein hochemotionaler, außergewöhnlich designter und mit einem tollen Motor ausgestatteter GT, der Alltagstauglichkeit, Reisequalitäten und eine ausreichende Portion Sportwagenfeeling mitbringt. Mit einem Basispreis von 101.400 Euro spielt er in einer Liga mit Porsche 911 Carrera und Mercedes-AMG GT, bringt aber mehr Exklusivität, Komfort und einen unvergleichlichen V8-Saugmotor mit. Wer markenoffen ist, sich mit den genannten Aspekten identifizieren kann und nicht ständig auf der letzten Rille unterwegs ist, für den ist der LC 500 eine echte Alternative. (Text: Maximilian Planker, Bilder: Hersteller)

Technische Daten*

  • Modell: Lexus LC 500
  • Motor: Achtzylinder-V, 4.969 ccm
  • Leistung: 464 PS (341 kW) bei 7.100 U/min
  • Drehmoment: 530 Nm bei 4.800 U/min
  • Antrieb: Hinterradantrieb, 10-Gang-Automatikgetriebe
  • Verbrauch kombiniert: 11,6 l SP /100 km
  • CO2-Emission: 265 g/km
  • Beschleunigung (0 – 100 km/h): 4,7 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 270 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 4,77 m/ 1,92 m/ 1,35 m
  • Gewicht: ca. 2.010 Kg
  • Grundpreis: 101.400 Euro

*Herstellerangaben

Wollen Sie jetzt durchstarten?

Alle Artikel

Erster Test: Lexus LC500 – Der falsche Apostel

Testberichte · Lexus

Erster Test: Lexus RX – Ein SUV für die Stadt

Testberichte · Lexus

Erster Test: Lexus GS-F – Japanische Kampfansage

Testberichte · Lexus
Mehr anzeigen