Erster Test: GM Sequel – Fast ganz normal

Klingt abenteuerlich, fährt sich letztlich aber ganz normal - zumindest fast.
Es ist sieben Uhr morgens und es muss schnell gehen, der Zeitplan ist dicht gesteckt. Derzeit funktioniert nur eins der beiden Versuchsfahrzeuge. Deshalb sind die Journalisten angehalten, lediglich eine kurze Runde um den Häuserblock zu drehen. Das alleine ist schon eine kleine Sensation, schließlich handelt es sich beim Sequel um ein Forschungsfahrzeug ohne Straßenzulassung. Kalifornien, der Hightech-Umweltschutz-Vorzeigebundesstaat, macht es trotzdem möglich - mithilfe einer Polizeieskorte.
Der GM Sequel, für die Testfahrt als Chevrolet deklariert, ist mehr als ein Labor auf Rädern. Er beweißt, dass sich aufwändige Technik inzwischen so gut verpacken lässt, dass kaum noch praktische Nachteile bleiben. Der Wagen bietet Platz für fünf Passagiere, einen brauchbaren Kofferraum und würde - das behauptet zumindest General Motors - jeden Crashtest mit Bravour bestehen. Nur das Gewicht ist noch ein Problem: Trotz Aluminium-Karosserie zeigt die Waage 2,2 Tonnen.
Klasse Chassis
Herz und Hirn des Sequel stecken im so genannten Skate-Board-Chassis. Nur wenige Dezimeter hoch, bilden die einzelnen Antriebskomponenten - von den Wasserstofftanks über das Brennstoffzellen-Antriebsmodul bis zur Lithium-Ionen-Batterie - den Fahrzeugboden.
Der Motor wurde quasi dreigeteilt. Ein Elektromotor versorgt die Vorderachse, die Hinterräder werden von Radnabenmotoren angetrieben. Alle diese Maßnahmen sorgen für einen niedrigen Schwerpunkt und eine optimale Achslastverteilung, erklärt Chefentwickler Mohsen Shabana.
Wir nehmen Platz im Sequel. Hinten hat es sich Ingenieur Hong Tran bequem gemacht, den Laptop auf dem Schoß. Wenn er wollte, könnte er mit seinem Notebook die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen. Tut er aber nicht, denn sein Job ist es, die Fahrdaten zu überwachen und zu sammeln.
Fast 4.000 Newtonmeter
Vier Tasten in der Mittelkonsole ersetzen den herkömmlichen Automatik-Wählhebel. Auf „D“ drücken, den Fuß von der Bremse und rüber aufs rechte Pedal, schon rollt der Sequel leise summend an. Beim beherzten Tritt aufs Gas zieht der fünf Meter lange Van dann kräftig davon. Die Gesamtleistung summiert sich auf 156 PS, das maximale Drehmoment beträgt immense, nur mittels Elektromotoren erzielbare 4.000 Nm.
Mit soviel Power an den Rädern soll der Spurt von Null auf Tempo 100 in weniger als zehn Sekunden gelingen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 145 km/h - ausreichend für die meisten Länder der Welt. Als Reichweite werden voll alltagstaugliche 480 Kilometer genannt, für die gerade einmal acht Kilogramm Wasserstoff nötig sind. Der Fahrspaß allerdings hält sich arg in Grenzen, der Sequel erinnert mehr an eine Straßenbahn als an ein Auto.
Ausblick
Bis 2010 will GM die Brennstoffzelle zumindest in technischer Hinsicht auf Serienreife gebracht haben. Noch hat das System beispielsweise Probleme bei Minus-Graden, wenn das Wasser friert und damit die Technik lahm legt. Abzuwarten bleibt auch, wie sich die Infrastruktur entwickelt - von der kostengünstigen Herstellung von Wasserstoff über den Transport bis hin zum Tankstellennetz.
Nach einer Viertelstunde ist die visionäre Fahrt mit Sequel vorbei. Was bleibt ist ein gemischtes Gefühl. Wird so das Autofahren der Zukunft aussehen? Ohne mobil produzierte Schadstoffe? Denn aus dem Auspuff kommt nichts als Sauerstoff und Wasserdampf. Dafür lautlos, freudlos, rein zweckreduziert?
Mohsen Shabana hat noch einen Trumpf im Ärmel: Die Umstellung auf elektrische Lenkung, Bremsen und Federung bietet die Möglichkeit, hinsichtlich der Dynamik die Fahrzeugcharakteristik auf Knopfdruck zu verändern. Und vielleicht bietet der Zubehörhandel dereinst ja DVDs mit den schönsten Motorensounds aus der untergegangenen Ära der Verbrennungsmotoren an.
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