Erster Test: Alfa Romeo 4C – Gebrüll aus der Gruft

Alfa Romeo stand in den letzten Jahren vor allem dann im Rampenlicht, wenn VW-Chef Piëch wieder einmal laut davon träumte, dass er das italienische Traditionsunternehmen doch gerne seinem Konzern einverleiben würde - und Fiat-Chef Marchionne diesen Plänen ein ums andere Mal eine Abfuhr erteilte.

Die Fiat-Tochter Alfa Romeo stand in den letzten Jahren vor allem dann im Rampenlicht, wenn VW-Chef Piëch wieder einmal laut davon träumte, dass er das italienische Traditionsunternehmen doch gerne seinem Konzern einverleiben würde - und Fiat-Chef Marchionne diesen Plänen ein ums andere Mal eine Abfuhr erteilte. Ansonsten ist es ruhig geworden um Alfa, denn nach dem Aus von 159, Brera, GT und Spider sind nur noch Mito und Giulietta im Portfolio. Bis jetzt, denn mit dem 4C setzt die Marke ein eindrucksvolles Lebenszeichen ab.
Todgesagte leben bekanntlich länger, und mit dem unbeschreiblich schönen 4C macht der längst in der Gruft versunken geglaubte Autobauer jetzt lautstark von sich hören. Denn der nur 1,8 Liter große, namensgebende Vierzylinder (4C steht für quattro cilindri) macht Lärm wie ein Großer. Von außen traut man dem Aggregat locker die doppelte Hubraumgröße zu, und kann der 4C mit seinem Wechsel zwischen tiefem Röhren und lautem Gekreische die Blicke auf sich ziehen und Respekt einflößen.

Schade, dass Fahrer und Beifahrer nicht ganz so viel von der Geräuschkulisse haben, denn der sportlich-kernige Sound wirkt im Inneren deutlich angestrengter, und kann der Geräuschmix aus Getriebe-Klappern, Motor-Grummeln und Ventil-Klackern mit der Zeit auch ein bisschen nerven. Etwas mehr Dämmung zwischen den Sitzen und dem vor der Hinterachse montierten Motor wäre wünschenswert - zumindest bei den von uns gefahrenen Exemplaren mit Sportpaket, die eine besonders laute Abgasanlage an Bord haben.

Mehr Lärm, weniger Komfort

Was das Sportpaket an Akustik zu viel mitbringt, spart es dafür an Komfort ein; größere Räder und eine auf das Nötigste reduzierte Federung stellen die Bandscheiben von Fahrer und Beifahrer auf die Probe. Ein Yoga-Kurs macht sich allerdings auch schon beim Einsteigen bezahlt, denn nicht nur der Fahrer muss sich hinter das Lenkrad fädeln, auch der Beifahrer hat Mühe, sich zwischen Armaturenbrett und seinem nicht verstellbaren (!) Sitz einzusortieren und sitzt - ab einer gewissen Körpergröße - auch alles andere als bequem; kein Wunder bei nur 3,99 Meter Länge und 118 Zentimeter Höhe.

Hat man sich dagegen erst einmal hinter dem kleinen, unten abgeflachten Volant auf der dünnen Sitzschale platziert, fühlt man sich gar nicht mal so unwohl. Vorausgesetzt, man übersieht die Verarbeitungsschwächen und die nicht immer optimale Materialauswahl. Während diese beiden Punkte eindeutig Sparzwängen geschuldet sind, lässt sich manch anderes vermeintliches Manko der „Reduzierung auf das Wesentliche“ zuschreiben, wie zum Beispiel der Verzicht auf unnötige Verkleidungen und Ablagen, das Fehlen eines Gasdruckdämpfers für die Motorhaube, die gleichzeitig Kofferraumdeckel ist, oder die Servolenkung, die mit Abwesenheit glänzt.

Rasend schnell sorgenfrei

Jetzt muss der der Schönheit wegen ziemlich unübersichtliche Sportwagen nur noch mit kräftigen Armen rückwärts aus der Parklücke manövriert werden, dann kann es auch schon losgehen - und mit dem Einlegen des ersten Gang des sechsstufigen Doppelkupplungsgetriebes (per Tastendruck) endet auch das Lamentieren. Denn ist der 4C erst einmal in Gang, verschwinden die Bedenken so schnell, wie der Alfa Fahrt aufnimmt. In Zahlen ausgedrückt braucht das Sorgenfrei-Gefühl genau 4,5 Sekunden, um sich einzustellen, dann nämlich hat der Bolide Landstraßentempo auf dem digitalen Tacho stehen; maximal ist das Zweieinhalbfache dessen drin.

Kaum zu glauben, dass eine derart brachiale Beschleunigung (über eine Sekunde schneller als ein 275 PS starker Porsche Cayman) mit einem nur 241 PS und 350 Newtonmeter starken 1,8-Liter-Vierzylinder möglich ist. Das Potential liegt aber weniger bei dem Aggregat, das im Grunde ein bekannter Motor ist, hier allerdings komplett aus Alu gefertigt, grundlegend überarbeitet und von einem Turbo zwangsbeatmet.

Unter 900 Kilogramm

Viel mehr zeichnet das minimale Gewicht für die imposante Beschleunigung verantwortlich. Denn leer, also ohne Benzin, Öl oder Scheibenwischwasser, bringt der Alfa 4C gerade mal 895 Kilogramm auf die Waage. Möglich machen es das federleichte Karbon-Monocoque (65 Kilogramm), das auch die Produktionskapazität im Maserati-Werk in Modena auf 3.500 Stück pro Jahr begrenzt, und der reichliche Einsatz von Aluminium.

Mit den nötigen Betriebsstoffen gefüllt und mindestens dem Fahrer besetzt - viel Gepäck geht eh nicht rein - ist die Tonnen-Grenze zwar schnell überschritten, doch ist der Alfa damit immer noch ein Leichtgewicht wie es im Buche steht. Und spätestens, wenn es beim Beschleunigen ziemlich heftig im Bauch kribbelt, macht sich der Verzicht auf so Überflüssiges wie zum Beispiel Türgriffe (wenn es einfache Lederschlaufen auch tun) bezahlt.

Absolut präzise

Die geringe Masse, die bauartbedingte Agilität des Mittelmotorkonzepts, die straffe Federung und nicht zuletzt die ultradirekte, servo-freie Lenkung führen zu dem, was gern mit dem überstrapazierten Begriff „Go-Kart-ähnliches“ Fahrgefühl umschrieben wird. Der heckgetriebene Alfa liegt auf der Straße wie ein Brett, gehorcht jeder minimalen Volant-Bewegung aufs Wort, lenkt äußerst präzise ein und weicht keinen Millimeter von der vorgegebenen Linie ab - im normalen Straßenverkehr ist der Grenzbereich, in dem das serienmäßige ESP eingreifen würde, so gut wie nicht zu erreichen. Gleiches gilt übrigens auch für den Normverbrauch von 6,8 Litern...

Neben den drei klassischen Modi Normal, Dynamik und Schlechtes Wetter bietet der 4C erstmals bei Alfa auch einen Race-Modus an, den man aber nur auf abgesperrten Strecken einlegen sollte. Dann nämlich wird das ESP noch weiter in den Hintergrund gerückt und die Schaltgeschwindigkeit noch weiter erhöht; ohnehin aber zeichnet sich das Getriebe durch blitzschnelle Gangwechsel aus, die es entweder automatisch oder noch besser auf Befehl der Schaltwippen am Lenkrad ausführt. Außerdem gibt es eine Launch Control, damit auch Nichtprofis der perfekte Kavalierstart gelingt.

Spitzensportler für Nicht-Spitzenverdiener

Der Alfa richtet sich aber nicht nur an Nicht-Profis, sondern auch an Nicht-Spitzenverdiener. Denn mit einem Grundpreis von 50.500 Euro zählt der rassige Italiener durchaus zu den erreichbaren Spitensportlern. Die Aufpreisliste ist außerdem ziemlich übersichtlich, viele Komfortextras stehen nicht zur Wahl; sie würden nur das Gewicht in die Höhe treiben. Doch selbst wer noch Tempomat, Ledersitze, ein paar Karbon-Zierteile und das Sport-Paket dazu packt, bleibt unter 60.000 Euro.

Noch häufiger als in Euro dürfte der Alfa Romeo 4C zukünftig aber in US-Dollar bezahlt werden, denn Ende 2014 wagen die Italiener mit dem Sportwagen wieder den Schritt über den Atlantik- zwanzig Jahre nach ihrem Abschied vom nordamerikanischen Markt. Das geschätzte Potential ist hoch, gut anderthalbtausend Fahrzeuge sollen allein in den Vereinigten Staaten verkauft werden. Kein unwahrscheinliches Ziel, wenn man bedenkt, dass auch in Europa die erste Charge von einigen hundert Einheiten noch vor dem offiziellen Bestellstart ausverkauft ist; wer ab Ende Oktober 2013 beim Händler einen 4C ordert, muss gut und gern sechs Monate Wartezeit hinnehmen. Alfa Romeo lässt wieder von sich hören - und zwar ziemlich deutlich. Die totgeglaubte Marke schickt ein äußerst vitales (und lautes) Lebenszeichen und will mit dem 4C neue Stärke demonstrieren. Das kann der Sportwagen hervorragend, bietet doch die Kombination aus genügend Leistung, absolutem Leichtbau und höchstpräzisem Handling - gepaart mit einem Design, das abgesehen von den Scheinwerfern keine Beschreibung braucht - jede Menge Faszinationspotential.

Das ganze Paket offeriert Alfa auch noch zu einem anständigen Preis; wobei man fairerweise erwähnen muss, dass auch ein Porsche Cayman für 51.385 Euro erhältlich ist. In Zuffenhausen lässt sich zwar deutlich mehr Geld für Extras ausgeben, doch wartet Porsche auch mit besseren Materialien, besserer Verarbeitung und deutlich mehr Komfort und Alltagstauglichkeit auf - vom Handschuhfach bis zu mehr Platz im Kofferraum.

Nichtsdestotrotz ist der Alfa - allein optisch - einer der faszinierendsten Sportwagen der vergangenen Jahre. Ob der 4C allerdings tatsächlich in der Lage ist, die Marke aus der Krise zu führen, ist fraglich. Die ist nämlich hausgemacht: Alfa hat nach und nach zahlreiche Modelle (Spider, 159, 166, GT) eingestellt und schafft es seit Jahren nicht, trotz mehrfacher Ankündigung, Nachfolger zu präsentieren. Vor der zweifelsohne grandiosen Kür in Form eines Supersportlers hätte also die Pflicht stehen müssen, um die mittlerweile zu Audi und Co. abgewanderten Kunden wieder zurück zu gewinnen. Doch bis heute gibt Alfa keinen konkreten Fahrplan zur Modellpolitik preis. Einzig einen Spider auf Basis des neuen Mazda MX-5 versprechen die Italiener; der soll 2015 kommen - oder auch später.

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