Lotus Eletre X Hybrid im Test: Müssen Porsche und BMW jetzt zittern?

Das Wichtigste zuerst
Der Lotus Eletre X überzeugt auf unserer ersten Testfahrt in der Schweiz als komfortables, überraschend fahraktives Elektro-SUV mit einem ungewöhnlichen Plug-in-Hybridantrieb. Zwei E-Motoren und ein 2,0-Liter-Turbobenziner liefern ausführungsabhängig 550 oder 952 System-PS. Der 70-kWh-Akku ermöglicht laut Lotus bis zu 305 Kilometer elektrische WLTP-Reichweite und lässt sich unter passenden Bedingungen in etwa neun Minuten von 20 auf 80 Prozent laden. Besonders gefallen uns das Fahrwerk, der akustisch zurückhaltende Verbrenner und die hochwertige Verarbeitung. Weniger überzeugend sind das überladene Lenkrad, gelegentliche CarPlay-Aussetzer und die bei sinkendem Akkustand nachlassende Leistung.
Stärken, Schwächen, Alternativen
Was uns gefällt
Wie europäisch sich der Eletre X fahren und bedienen lässt.
Was wir vermissen
Auch wenn es nicht passieren wird: weniger Gewicht.
Ideal, wenn …
… man die elektrische Fortbewegung schätzt, sich aber dennoch die benzingetriebene Hintertür offenhalten will.
Die Alternativen
Irgendwie alles und nichts: Porsche Cayenne und BMW X5, jeweils als PHEV, spielen dennoch eine Mitbewerberrolle. Auch große Stromer wie der Cayenne Electric oder das Mercedes-AMG GT SUV.
Geely trumpft auf
Lotus erweitert sein SUV-Angebot ab sofort um den Eletre X, ein Plug-in-Hybrid-SUV mit einer rein elektrischen Reichweite von bis zu 300 Kilometern und einer modellabhängigen Spitzenleistung von bis zu 700 kW / 952 PS. Und nach unserer ersten Testfahrt von Zürich über Andermatt nach München müssen wir gleich zu Beginn feststellen: Möglicherweise haben wir das mit dem einen oder anderen chinesischen Automobilhersteller ein wenig falsch eingeschätzt.
Geely etwa. Den Konzern hatten hierzulande viele zunächst vor allem deshalb auf dem Zettel, weil er sich Volvo einverleibt hatte. Inzwischen erweitern zahlreiche Marken seinen automobilen Einflussbereich - zunehmend auch in Europa. Zeekr, Lynk & Co., Polestar, aber eben auch Lotus zeigen, wie breit gestreut die Vielmarkenstrategie bei Geely ist. Aus dem vermeintlichen Nobody ist ein Unternehmen geworden, dessen Produkte man besser nicht mehr unterschätzt.
Bietet der Lotus Eletre X das Beste aus beiden Welten?
So fährt etwa der Eletre X überwiegend wie ein normales Elektroauto, kann seinen Benziner aber sowohl zur Stromerzeugung als auch zum direkten Antrieb nutzen. Damit verbindet er die Arbeitsweise eines Range Extenders mit der eines klassischen Plug-in-Hybrids. Je ein Elektromotor sitzt an Vorder- und Hinterachse. Unterhalb von 85 km/h treiben ausschließlich die beiden E-Maschinen die Räder an. Der 2,0-Liter-Turbobenziner bleibt entweder aus oder versorgt über einen bis zu 150 kW starken Generator das elektrische System mit Energie. Oberhalb von 85 km/h kann er zusätzlich die Vorderräder direkt antreiben.
Klingt kompliziert oder zumindest umfangreich? Wohl wahr, aber die Fahrzeugelektronik entscheidet in der Regel anhand von Akkustand, Tempo und Leistungswunsch, welcher Betriebszustand des Antriebsstrangs gerade sinnvoll ist. Der Fahrer muss dafür weder Elektrotechnik studiert haben noch ständig irgendwelche Energieflussgrafiken beobachten. Man tritt aufs Pedal, der Lotus liefert. Meistens sehr leise und bei Bedarf ziemlich nachdrücklich - ganz gleich ob mit der Variante H550 (550 PS) oder H1000 (952 PS).
Technische Daten: Antrieb und Laden
| Merkmal | Eletre X H550 | Eletre X H1000 |
|---|---|---|
| Antrieb | Plug-in-Hybrid, Allrad | Plug-in-Hybrid, Allrad |
| Systemleistung | 405 kW / 550 PS | 700 kW / 952 PS |
| Systemdrehmoment | 935 Nm | 935 Nm |
| Verbrenner | 2,0-Liter-Turbobenziner | 2,0-Liter-Turbobenziner |
| 0–100 km/h | 4,9 s | 3,3 s |
| Höchstgeschwindigkeit | 210 km/h | 230 km/h |
| Batteriekapazität / Spannung | 70 kWh / 900 V | 70 kWh / 900 V |
| Elektrische Reichweite, WLTP | 300 km | 305 km |
| Ladeleistung DC / AC | bis 436 kW / 11 kW | bis 436 kW / 11 kW |
| DC-Ladezeit, 20–80 % | ca. 9 min | ca. 9 min |
| Tankinhalt | 52 l | 52 l |
Zweieinhalb Tonnen und trotzdem kurvengeil
Unterwegs sind wir derweil hauptsächlich mit der schwächeren der beiden Varianten. Wobei „schwach“ bei bis zu 550 System-PS eine ambitionierte Wortwahl bleibt. Den Standardsprint erledigt der H550 laut Hersteller in 4,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit wird bei 210 km/h elektronisch begrenzt. Für die Schweizer Straßen mehr als ausreichend, aber auch auf der deutschen Autobahn durchaus konkurrenzfähig.
Dabei verbindet der Eletre X die schiere Leistung stets mit einem gelassenen Alltagsauftritt, was besonders am in England nachprogrammierten Fahrwerk liegen dürfte. Richtig gelesen: Auch ein Fahrwerk wird heute überwiegend per Software getuned und auf den ersten Blick scheint die Operation auch geglückt. Besonders auf gewundenen Bergstraßen macht das SUV einen rießen Spaß - und das, obwohl der Brocken stolze 2.550 Kilogramm auf die Waage bringt.
Ja, wir könnten uns an dieser Stelle jetzt natürlich echauffieren, dass eine einstige Leichtbaumarke wie Lotus solche Schützenpanzer baut. Na, aber was sollen wir tun? Wir haben uns das nicht ausgedacht und darüber hinaus muss sich eben auch der Sportwagenasket in uns eingestehen, dass der Eletre X deutlich gelenker fährt, als er vielleicht auf den ersten Blick aussieht. Die Fahrwerks- und Fahrdynamikabstimmung sollte gar deutsche Hersteller von BMW bis Porsche aufhorchen lassen. Fein kontrollierbares Übersteuern, eine präzise (aber etwas gefühllose) Lenkung und ein potenter Antrieb: Da merkt man kaum, dass dieser Lotus seine Ursprünge in China hat.
Verbrauch unter Dieselniveau
Auch beim Verbrauch setzt der Lotus Eletre X gewisse Ausrufezeichen. Im gemischten Betrieb sehen wir zeitweise etwa 17 kWh Strom und 2,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Rein elektrisch sind es ungefähr 25 kWh. In einem Abschnitt mit überwiegendem Verbrennereinsatz auf der deutschen Autobahn stehen knapp sieben Liter im Kombiinstrument. Für ein Auto dieser Größe und mit dieser Leistung ist das ordentlich und lässt auch den "Sportdiesel" bisweilen alt aussehen.
Mit voller Batterie und gefülltem 52-Liter-Tank sollen laut Hersteller übrigens bis zu 1.200 Kilometer möglich sein – bis zu 305 Kilometer davon rein elektrisch. Vierstellige Reichweiten halten wir nach der ersten Fahrt unter passenden Bedingungen tatsächlich nicht für gänzlich unrealistisch. Damit nicht genug: Der Eletre X kombiniert eine für einen Plug-in-Hybrid ungewöhnlich große Batterie mit 70 kWh Kapazität und einer DC-Schnellladeleistung von bis zu 436 kW. Unter geeigneten Bedingungen soll der Akku damit in etwa neun Minuten von 20 auf 80 Prozent geladen werden. Zu Hause lädt der Lotus indes mit bis zu 11 kW AC. Rund 7,2 Stunden gibt der Hersteller für eine Ladung von null auf 100 Prozent an.
Ab 40 Prozent Akkustand schwindet die Leistung
Klingt bisher wie die eierlegende Wollmilchsau im Automobilbau? Fast. Denn während sich der 2,0-Liter-Turbobenziner im Normalfall akustisch erfreulich zurückhält, sinkt die Maximalleistung des Plug-in-Hybrids bereits bei einem Akkustand von 40 Prozent merklich. Das ist laut Lotus systembedingt, damit stets ausreichend elektrische Energie zur Verfügung steht.
Von Leistungsmangel können wir auch dann zwar nicht sprechen, am Furkapass waren die Einbußen jedoch deutlich spürbar. Dennoch präsentiert sich das ungewöhnliche Antriebskonzept über weite Strecken von seiner besten Seite. „Unauffällig“ beschreibt am besten, was wir sehen und hören: Besonders die Wechsel zwischen den einzelnen Betriebszuständen bleiben für den Fahrer weitgehend unmerklich.
Im Innenraum tatsächlich Oberklasse
Für uns unerwartet gut geht es im Innenraum des Lotus Eletre X weiter. Beinahe alles, was man sieht und anfasst, ist aufwendig verkleidet. Echt- oder Kunstleder, saubere Nähte und angenehm bezogene Flächen. Selbst an der C-Säule hört die Mühe nicht plötzlich auf. Liebe Porsche, Audi und Mercedes, da dürft ihr euch durchaus eine dicke Scheibe abschneiden. Wellig vernähte Bezüge oder offensichtliches Sparplastik springen uns jedenfalls nicht entgegen. Stattdessen gibt es vorne sogar aufwendige Cupholder, die uns spontan an die mechanische Hingabe eines VW Phaeton erinnern.
Drei Anzeigen verteilen vorne die Informationen, wobei Fahrer- und Beifahrerdisplay eher als Bildschirmschlitze durchgehen. Letzterer bietet entsprechend überschaubare Darstellungsmöglichkeiten. Die zentrale Bedienung gelingt im Test dagegen erfreulich übersichtlich, auch die Assistenzfunktionen lassen sich ohne großes Rätselraten schnell erreichen. Weniger überzeugend wirkt dagegen das Lenkrad. Viele Funktionen und Paddles mit unterschiedlichen Aufgaben für Rekuperation und Fahrprogramme machen die Bedienung unnötig kompliziert. Auch die Anmutung passt nicht ganz zum sonst hochwertigen Innenraum.
Abmessungen und Kofferraum
| Merkmal | Lotus Eletre X |
|---|---|
| Länge | 5.103 mm |
| Breite laut Datenblatt | 2.019 mm |
| Höhe | 1.636 mm |
| Radstand | 3.019 mm |
| Wendekreis | 11,8 m |
| Leergewicht H550 / H1000 | 2.550 / 2.615 kg |
| Kofferraumvolumen | 688 - 1.532 |
| Anhängelast laut Hersteller | bis 2.250 kg |
Fazit
Der Lotus Eletre X überrascht als erstaunlich gut abgestimmtes Oberklasse-SUV: meist elektrisch unterwegs, schnell beim Laden, mit gutem Fahrwerk und einem Innenraum, bei dem die deutsche Konkurrenz stellenweise peinlich berührt daneben stehen dürfte. Das hohe Gewicht, die etwas rückmeldungsarme Lenkung und die früh nachlassende Leistung bei sinkendem Akkustand trüben den Eindruck eher am Rande. Mit einem Grundpreis von 96.990 Euro gehört der chinesische Lotus allerdings auch nicht zu den Sonderangeboten auf der Straße. (Text: Thomas Vogelhuber | Bilder: Hersteller)