Mercedes VLE gegen Xpeng X9: Luxus-Vans mit Fragezeichen

Mercedes VLE und Xpeng X9 auf einen Blick
Was uns gefällt
Beim Mercedes VLE der hohe Nutzwert, das vertraute Bedienkonzept und die starke Anhängelast. Beim Xpeng X9 die umfangreiche Serienausstattung, das großzügige Platzangebot und die hohe Ladeleistung.
Was wir vermissen
Beim Mercedes mehr Premiumanmutung im Innenraum und eine übersichtlichere Aufpreispolitik. Beim Xpeng eine intuitivere Bedienung und eine überzeugendere Detailqualität.
Ideal, wenn …
… man einen großen elektrischen Reise- oder Shuttle-Van sucht und entweder besonderen Wert auf Variabilität und Nutzwert (VLE) oder auf maximale Komfortausstattung (X9) legt.
Die Alternativen
Luxus: Lexus LM, Maxus Mifa 9 - Nutzwert: VW e-Transporter, Kia PV5
Stärken und Schwächen Mercedes VLE 300
Stärken
- Bis zu 4.078 Liter Ladevolumen
- Anhängelast bis 2,5 Tonnen
- Vertraute Bedienung
Schwächen
- Hohes Gewicht bis zu 3,2 t
- Hinterachslenkung nicht Serie
- Viele einfache Materialien
Stärken und Schwächen Xpeng X9 FWD Long Range
Stärken
- Hohe Ladeleistung
- Sehr gute Serienausstattung
- Vollwertiger 7-Sitzer
Schwächen
- Umständliche Bedienung
- Sitze nicht herausnehmbar
- Schwammiges Fahrgefühl
Günstig ist anders
Wir sind da ehrlich: So ganz erschließen sich uns die vielen neuen Siebensitzer auf dem Markt nicht. Mercedes VLE und Xpeng X9 bilden da keine Ausnahme. Mit Grundpreisen ab 81.600 Euro für den getesteten X9 FWD Long Range und 82.711,90 Euro für den VLE 300 sind sie für eine normale Familie mit mehreren Kindern meist deutlich zu teuer.
Gibt es bei uns tatsächlich so viele Shuttle-Dienste, die nach einer solchen Fahrzeugkategorie gefragt haben? Noch dazu bei Mercedes, die sich vor nicht all zu langer Zeit aus dem offiziellen Taxigeschäft weitestgehend verabschiedet haben. Nun denn: Beide Luxus-Vans konnten wir beim German-Car-of-the-Year-Event im hessischen Alsfeld gegeneinander antreten lassen - mit durchaus interessanten Erkenntnissen.
Zwei Luxus-Vans, zwei völlig unterschiedliche Auftritte
Die erste Erkenntnis lautet: Den Mercedes VLE gibt es tatsächlich mit aufgesetztem Stern (nicht das Testfahrzeug) zu kaufen. Darunter prangt der gordische XXL-Grill, dessen Umrandung sich nachts auf Wunsch ebenfalls beleuchten lässt. Während der Mercedes ansonsten sehr vertraut aussieht, wirkt der Xpeng X9 in seiner Gesamtheit wie ein Auto aus einem Science-Fiction-Film. Besonders das Heck ist schon arg gewöhnungsbedürftig. Aber Ästhetik liegt bekanntlich im Auge des Betrachters.
Wenn es um harte Fakten geht, merkt man schnell, dass der Mercedes VLE trotz aller Luxusoptionen seinen Nutzfahrzeugcharakter nicht verleugnen will. Wer sich der herausnehmbaren Sitze entledigt, kann mit bis zu 4.078 Litern Kofferraumvolumen auch beim nächsten Umzug aushelfen. Im Xpeng X9 sind die hinteren Sitze dagegen fest montiert. Einzig die dritte Reihe lässt sich durch eine technische Meisterleistung automatisch im Unterboden versenken. Ist sie eingeklappt, ergibt sich ein maximales Kofferraumvolumen von ebenfalls nicht schlechten 2.250 Litern.
Durch den Mercedes-Willen, unbedingt einen ebenen Ladeboden zu erhalten, ist der VLE gut 14 Zentimeter höher als der X9. Ansonsten herrscht bei den Abmessungen beinahe Gleichstand. Beide bringen etwa 5,31 Meter auf die Straße, was im innerstädtischen Verkehr für durchaus schweißtreibende Szenen sorgen kann. Sowohl der Mercedes als auch der Xpeng setzen daher ab Werk auf eine Hinterachslenkung, um die Fahrer besonders beim Rangieren zu entlasten. Beim VLE beträgt der Wendekreis dadurch 10,9, beim X9 etwa 10,8 Meter.
X9 mit vielen Luxus-Optionen, VLE mit besserer Bedienung
Generell wird beim Chinesen nicht sonderlich gegeizt, wenn es um die Ausstattung geht. Der bei Magna in Graz zusammengeschraubte Van fährt ab Werk mit nahezu allem nur erdenklichen Luxus vor. Dazu zählen ein XXL-Panoramadach, ein verdammt „cooler“ Kühlschrank, ein Soundsystem mit 27 Lautsprechern sowie ein 21,4 Zoll großes Display, das aus dem Dachhimmel fährt. Anders als im BMW 7er hängt einem der Bildschirm auch nicht direkt vor der Nase. Sogenannte Zero-Gravity-Sitze in der zweiten Reihe sind komfortseitig das eigentliche Highlight. Allerdings lassen sich nicht alle Funktionen während der Fahrt nutzen. Mit einer Körpergröße von 1,94 Metern waren wir zudem im Bewegungsraum bereits etwas eingeschränkt. Die dritte Reihe taugt derweil ebenfalls noch für Erwachsene, was uns in der Tat verwundert hat.
Beim Mercedes würden wir an dieser Stelle nun ebenfalls gerne schreiben, dass es all das gibt. Und ja, vieles davon wird auch verfügbar sein. Der Daimler-Konfigurator wurde allerdings vom gleichen Schlag Menschen entwickelt, der auch beim Xpeng X9 für das Nutzerdesign des Infotainment-Systems verantwortlich war. Die Bedienung ist für uns einer der größten Schwachpunkte des X9. Dass sich die Klimaanlage und zahlreiche fahrrelevante Parameter ausschließlich über das Zentraldisplay einstellen lassen, ist ein No-Go.
Im Mercedes VLE geht es da ein Stück weit verständlicher zu. Das Betriebssystem folgt immerhin einer gewissen Logik, und wer in jüngerer Vergangenheit schon einmal irgendetwas aus dem Reich der Sterne bewegt hat, wird sich schnell zurechtfinden. Gewöhnungsbedürftig ist im Sternenkreuzer dagegen, dass es keinen mittleren Luftausströmer gibt. Während der Testfahrt fehlte es uns deutlich an Frischluft. Aber wo soll sie auch herkommen? Schließlich ist inzwischen alles mit Displays vollgepflastert.
Qualitativ wirkt der Xpeng X9 im ersten Moment sehr überzeugend. Bei genauerem Hinsehen fallen allerdings unsauber gearbeitete Nähte und bereits im Testwagen verknittertes Leder auf. Der zum Test angetretene Mercedes VLE 300 bietet dagegen bequeme und ergonomisch geformte Sitze, ansonsten aber erstaunlich wenig Sexappeal für ein Auto, das bereits ohne "Grand-Exclusive"-Trimm schnell mehr als 90.000 Euro kostet. Zwar dürften die eingesetzten Kunststoffe länger als eine Leasingperiode halten, dem Premiumanspruch von Mercedes werden sie stellenweise jedoch nicht gerecht. Gleiches gilt auch für die Tatsache, dass bereits einer der beiden VLE-Testwagen beim GTEST 2026 einen unschönen Faltenwurf an den hinteren Sitzen zeigte.
Komfortabel, ziemlich schwer und auf der Landstraße schnell überfordert
Weniger große Unterschiede zeigen sich bei der Fahrperformance der beiden Fahrzeuge. Dank serienmäßiger Luftfederung fährt sich der frontgetriebene VLE 300 ziemlich wolkig. Das passt zu entspannten Autobahnpassagen, kann auf Landstraßen aber bereits zu viel des Guten sein. Der Xpeng X9 macht es mit seiner ultraweichen Luftfederung nicht wesentlich besser. Dabei darf man nicht vergessen, dass beide Vans zwischen 2.900 und 3.200 Kilogramm auf die Waage bringen. Je nach Variante kann zum Führen des Mercedes VLE sogar eine Fahrerlaubnis der Klasse C1 oder der alten Führerscheinklasse 3 erforderlich sein. In seiner maximalen Konfiguration liegt die zulässige Gesamtmasse des VLE nämlich bei stolzen 3,7 Tonnen.
Das Gewicht sorgt zwar für satten Straßenkontakt, bringt beide in Kurven aber auch schnell an ihre Grenzen - die Insassen bei solch einem Fahrversuch sowieso. Schaut man sich die Feinabstimmung von Fahrwerk und Lenkung an, so schafft es der Benz aber weiterhin, den Lenkbefehlen präziser zu folgen als der Xpeng. Erst in der Sportstellung vermag das Volant ausreichend Rückmeldung zu bieten.
Während der 203 kW / 276 PS starke VLE 300 in eher gemächlichen zehn Sekunden auf 100 km/h beschleunigt, sorgt der Xpeng X9 mit seinen 235 kW / 320 PS an der Vorderachse für einen vehementeren Vorschub. 7,8 Sekunden nennt das Datenblatt für den Standardsprint. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h, während der Mercedes bereits bei 170 km/h abgeregelt wird.
Reichweite, Ladeleistung und Anhängelast
Während unserer Testrunden lagen die Verbräuche beider Kontrahenten zwischen 24 und 28 kWh je 100 Kilometer. Wirkliche Spargeräte werden die Luxus-Transporter angesichts ihrer Größe und Opulenz also nicht. Die WLTP-Reichweiten werden dementsprechend recht optimistisch mit bis zu 713 Kilometern für den VLE 300 und bis zu 615 Kilometern für den X9 FWD Long Range angegeben.
Derweil konnten wir das Ladeverhalten der beiden Stromer in der Kürze der Zeit nicht testen. Sowohl der Mercedes VLE als auch der Xpeng X9 setzen auf 800-Volt-Systeme. Der X9 speichert bis zu 110 kWh, der VLE bis zu 115 kWh. Während die Sternenmarke eine maximale Ladeleistung von bis zu 300 kW nennt, wollen die Chinesen bis zu 542 kW ermöglichen. Bereits beim Test des Xpeng G6 vor dem Facelift im Jahr 2025 zeigte sich allerdings, dass die Marke hohe Ladeleistungen durchaus im Griff hat.
AC-Ladeleistungen von bis zu 11 kW bei beiden Modellen sind dagegen eher unterer Durchschnitt. Darüber hinaus kann der Xpeng X9 im V2L-Modus bis zu 6 kW Strom abgeben, der Mercedes VLE dagegen mit bis zu 11 kW. Ein großer Pluspunkt für den Mercedes VLE ist am Ende seine Anhängelast: Er kann bis zu 2,5 Tonnen ziehen. Der Xpeng X9 schafft dagegen lediglich 1,5 Tonnen.
Erstes Fazit
Beide Elektro-Vans haben ihre Stärken und Schwächen, wobei deren Verteilung durchaus überrascht. Xpeng besetzt mit dem Debüt des X9 ganz klar die Nische des auf den ersten BLick ultraluxuriösen Shuttle- und Familientransporters zu einem hohen, aber noch nicht völlig abgehobenen Preis. Mercedes will beim VLE dagegen auch den praktischen Nutzwert erhalten. Freilich lässt sich der in Spanien gebaute Sternenkreuzer bis auf Maybach-(VLS)-Niveau hochrüsten. Das entbehrt dann allerdings jeglicher preislicher Vernunft.
Vernünftiger erscheint die Bedienung im Mercedes, denn diese konnte uns im Xpeng nicht überzeugen. Fahrdynamisch bekommt man bei beiden dagegen ziemlich genau das, was man bestellt hat: zwei große, schwere, aber komfortable Reisewagen, die mit ihrer Luftfederung besser auf der Haupt- als auf Nebenstraßen unterwegs sind. Spannend dürfte zudem sein, wie sich die Preise des Xpeng entwickeln, ob sich für ihn ein funktionierender Gebrauchtwagenmarkt etablieren wird und wie es langfristig um Service, Wartung und Teileversorgung bestellt ist. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber | Weitere Bilder: GCOTY / Julia Schäfer)
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