Erster Test: VW Jetta – Mit Überraschungs-Potenzial

Staunende Blicke, offene Münder – berichtet man als Autotester von seinem Arbeitsalltag, sind solche Reaktionen keineswegs selten. Vor allem dann, wenn es um Spielzeuge für Superreiche geht.

Doch auch die Ankündigung, den neuen VW Jetta auf seiner ersten Fahrpräsentation testen zu dürfen, löste Verwunderung aus: „Was, den Jetta gibt es noch?!“ Anders als der technisch engverwandte Kompaktbruder Golf, führte der irgendwie stets angestaubt wirkende Jetta hierzulande ein Schattendasein. Zwischenzeitlich blieb der Stufenheck-Golf als Vento oder Bora ebenso erfolglos wie die 2004 wieder als Jetta eingeführte fünfte Generation. Während das als konservativ verschriene VW-Modell in Deutschland konsequent in der Nische verharrte, legte es global gesehen mit fast zehn Millionen gebauten Exemplaren eine steile Karriere hin.

Die nun gestartete sechste Generation dürfte in seinen klassischen Märkten an diesen Erfolgen nahtlos anknüpfen. Spannender ist hingegen die Frage, ob es der Neuauflage hierzulande gelingt, das Image des Jetta aufzupolieren und bei den Verkaufszahlen wieder zuzulegen. Als Luxus-Golf oder günstige Passat-Alternative mit schnittigen Blechkleid und viel Platz im Fond bietet er durchaus das Potenzial, dem Namen Jetta neuen Glanz zu verleihen.

Schick und stattlich

Zwar gelten bei deutschen Autokunden Stufenheck-Versionen der Kompaktklasse weiterhin als spießige Altherren-Schleudern. Doch VW hat unter der Feder von Walter da Silva das Thema diesmal in besonders ansehnlicher Weise interpretiert. Ja, der neue Jetta ist ein Auto, dem man durchaus einen Blick hinterherwerfen darf. Mit scharfen, klar gesetzten Linien und sportiven Proportionen vermittelt er eine Aura, die der eines Audi A4 durchaus ebenbürtig und sogar ähnlich ist. Die Zeiten des optisch biederen Golf-Ablegers mit Rucksack sind endgültig vorbei.

Vor allem stattlich ist der Jetta geworden. Technisch ist er zwar ein Abkömmling der Kompaktklasse, doch mit 4,64 Meter liegt er schon irgendwie außerhalb dieser Liga. Auch die 2,65 Meter Radstand sind großzügig dimensioniert. Das Praktische: Sein Innenraum bietet entsprechend gute Platzverhältnisse. Nicht nur vorne, auch hinten reist man sehr kommod und mit entspannt viel Beinfreiheit. Und zusätzlich gibt es noch einen separaten Kofferraum, der immerhin 510 Liter Gepäck aufnehmen kann und sich dank umklappbarer Rückbanklehne außerdem erweitern lässt. Der Jetta ist beim Transport von Fahrrädern oder Ikea-Einkäufen keineswegs ein Spielverderber.

Fast wie im Golf

Darüber hinaus hinterlässt der Innenraum den qualitativ guten Eindruck, den man bei VW-Modellen oberhalb vom Fox seit vielen Jahren kennt. Der Jetta wird zwar in Mexiko gebaut und ist vor allem in der für den US-Markt produzierten Version etwas einfach gestrickt. Doch hat man speziell bei der Euro-Version dafür gesorgt, dass sich die hiesige VW-Qualität in Form von fein genarbten Softoberflächen und diversen Chromzierleisten in überzeugender Weise breit macht. Allerdings wirkt der in der Mittelkonsole befindliche Motor-Startknopf etwas popelig und das dann überflüssige Zündschloss-Loch in der Lenksäulen-Verkleidung wurde mit einer einfachen Plastikblende abgedeckt.

Ansonsten geht es im Jetta zu wie im Golf. Entsprechend sind die meisten attraktiven und bisweilen auch etwas teuren Extras von Golf und Co für den Jetta bestellbar. Mit Climatronic, Super-Navi, DSG-Automatik und Lederausstattung wird der Deutsch-Mexikaner ein wohnlicher, komfortbetonter Langstreckengleiter.

Entspannter Gleiter

Und diesem Anspruch wird auch die Fahrwerksauslegung gerecht. Die Sitze umklammern die Insassen nicht allzu kräftig, die Lenkung ist eher teigig denn spitz. Statt der bei VW-Modellen gewohnt feinnervigen Federung arbeitet der Jetta-Unterbau etwas tapsiger und werden grobe Unebenheiten mit gelegentlichem Poltern quittiert. Doch unterm Strich gefällt das Fahrwerk mit einer angenehm gelassenen Auslegung.

Diese solide Abstimmung ist für einen eher gemächlichen Autoalltag absolut angemessen, doch selbst für flottere Fahreinlagen bietet der Jetta ausreichend Reserven. Spitzkehrengaudi wie beim Golf GTI verhindern allerdings die träge Lenkung und der große Wendekreis. Und schließlich ist das DCC-Fahrwerk mit seiner per Knopfdruck abrufbaren Sportabstimmung für den Jetta nicht bestellbar.

Breite Motorenpalette

Bei den Motoren steht eine breite Palette an modernen Diesel- und Benziner-Aggregaten zur Wahl. Neben den zum Marktstart verfügbaren Basismotoren 1.2 TSI und 1.6 TDI mit jeweils 105 PS kann der Kunde später noch den 2.0 TDI mit 140 PS, den 1.4 TSI mit 122 oder 160 PS sowie den 2.0 TSI mit 200 PS wählen. 2012 will VW den Jetta, zunächst in den USA und später in Europa, mit Hybridantrieb bringen. Dieses Doppelherz hilft dann beim Spritsparen in der Stadt und soll zudem rein elektrische Fahrten von wenigen Kilometern ermöglichen.

Für Deutschland mit seinen schnellen Autobahnen ist allerdings die von uns gefahrene Dieselvariante 1.6 TDI BluemotionTechnology die attraktivere Spritspar-Alternative, die wir in Kombination mit Sieben-Gang-DSG fuhren konnten. Akustisch hält sich der Motor mit seinen Dieselgeräuschen die meiste Zeit angenehm zurück, denn bereits ab 1.500 bis 2.500 Umdrehungen liegen die 250 Newtonmeter Drehmoment an und hat das selbst schaltende Sieben-Gang-DSG spontan fast immer eine passende Übersetzung parat. Entsprechend arbeitet der Vier-Zylinder die meiste Zeit gelassen im akustischen Wohlfühlbereich. Erst jenseits der 3.000 Touren wird der Motor akustisch etwas aufdringlicher.

Basisbenziner günstiger und flotter

Die 105 PS reichen, um den 1,4-Tonner in 11,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zu beschleunigen, bis maximal 190 km/h kann die Fuhre schnell werden. Dabei soll der Verbrauch im Durchschnitt bei lediglich 4,3 Litern Diesel auf 100 Kilometer liegen. Vermutlich wird in der Praxis bei den Allermeisten ein um ein bis zwei Liter höherer Diesel-Verbrauch rauskommen, was immer noch akzeptabel ist. Allerdings ist diese Antriebsversion satte 4.750 Euro teurer als die Basismotorisierung 1.2 TSI mit Sechs-Gang-Schaltung ebenfalls 105 PS.

Neben dem günstigen Einstiegspreis sprechen für den kleinen Turbobenziner außerdem eine angenehmere Laufkultur und bessere Fahrwerte. Die immerhin 175 Newtonmeter stehen über ein vergleichsweise breites Drehzahlband von 1.500 bis 4.000 Touren zur Verfügung. Insgesamt bringt der Basisbenziner 100 Kilogramm weniger auf die Waage und den Wagen aus dem Stand in nur 10,9 Sekunden auf Tempo 100. Die Höchstgeschwindigkeit gibt VW wie schon beim 1.6 TDI mit 190 km/h an. Wird dem Vier-Zylinder viel Leistung abverlangt, gesellt sich akustisch eine etwas raue und kernige Note hinzu. Laut Hersteller liegt der Spritkonsum der Normalvariante bei 5,7 Liter, die um 400 Euro teurere BluemotionTechnology-Version begnügt sich mit 5,3 Litern.

Kein Schnäppchen

Die Jetta

Technische Daten
Marke und Modell VW Jetta 1.6 TDI VW Jetta 1.2 TSI
DSG Bluemotion Technology Trendline
Motor
Hubraum (ccm) / Bauart 1.598 / R4 1.197 / R4
Leistung (kW / PS) 77 / 105 77 / 105
Drehmoment (Nm) / Umdrehungen 250 / 1.500 - 2.500 175 / 1.500 - 4.000
Antriebsart Frontantrieb Frontantrieb
Getriebeart 7-Gang-DSG 6-Gang-Getriebe
Abmessung und Gewicht
Länge/Breite/Höhe (mm) 4.644 / 1.778 / 1.453 4.644 / 1.778 / 1.453
Radstand (mm) 2.651 2.651
Wendekreis (m) 11,1 11,1
Leergewicht (kg) 1.385 1.305
Kofferraum (Liter) 510 510
Bereifung Testwagen 205/55 R 16 205/55 R 16
Verbrauch
Krafstoffart Diesel Benzin
Kombiniert laut Werk (l/100km) 4,3 (mit Stopp-Start) 5,7
CO2-Emissionen (g/km) / Abgasnorm 113 / Euro 5 134 / Euro 5
AS24-Verbrauch (l/100km) k .A. k .A.
Fahrleistungen
Werksangabe 0-100km/h (s) 11,7 10,9
AS24-Sprint 0-100km/h (s) k .A. k .A.
AS24-Bremstest 100-0km/h (m) k .A. k .A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h) 190 190
Preise
ab (Euro) 25.650,00 20.900,00
Empfohlene Extras
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Damit markiert der Jetta preislich die Spitze unter den C-Segment-Stufenhecklimousinen. Seine Technikverwandten VW Golf und Skoda Octavia bekommt man mit dem 1.2 TSI und etwa gleichwertiger Ausstattung schon für 18.500 beziehungsweise 17.000 Euro. Alternativ gibt es noch eine Handvoll Mitbewerber aus Fernost und Nahwest, die ebenfalls allesamt günstiger als der Jetta sind.

Fazit

Viel Platz im Fond und Kofferraum sowie eine ansehnliche Außenhaut – das sind die stärksten Argumente für den neuen Jetta. Zudem bietet der Stufenheckler weitestgehend das bekannt hohe Qualitätsniveau und die guten Fahreigenschaften aus dem Golf-Kosmos.

Allerdings ist der Jetta ein vergleichsweise teures Golf-Derivat. Ob deutsche Autokunden bereit sind, für etwas mehr Kniefreiheit und Stufenheck-Optik einen happigen Aufpreis zu zahlen, erscheint fragwürdig. Insofern dürfte man auch in Zukunft mit dem Mittelklasse-Modell seine Mitmenschen hierzulande überraschen können: „Ein Jetta!?“

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