Mercedes-AMG CLA 45 4MATIC+: Warum jetzt auch Affalterbach den Hyundai-Trick kopiert

Ja, wir geben es offen zu: Die Journalisten-Kollegen hatten die News zum kommenden Mercedes-AMG CLA 45 4MATIC+ schon vor Tagen online. Warum wir sie erst jetzt bringen? Ganz einfach: Weil wir als echte Petrolheads beim Thema „Elektro-AMG mit virtuellen Gängen“ nicht einfach die Pressemitteilung ungelesen durchwinken wollten. Wir brauchten einen Moment zum Nachdenken, Diskutieren und Einordnen. Denn wirklich spannend wird der elektrische Kompakt-AMG erst im größeren Zusammenhang. Etwa wenn man ihn mit dem Hyundai IONIQ 6 N und Porsche Taycan vergleicht. Die harten Fakten sind schnell erzählt: Mercedes-AMG bringt den neuen CLA 45 4MATIC+ als Elektroauto. Er leistet 500 kW beziehungsweise 680 PS, nutzt drei Elektromotoren, beschleunigt in rund drei Sekunden auf 100 km/h und lädt mit bis zu 330 kW. Fertig wäre die klassische Datenblatt-News.
Man muss ins Detail schauen, sonst wäre der AMG-CLA ziemlich langweilig
Denn der neue Mercedes-AMG CLA 45 4MATIC+ ist nicht deshalb interessant, weil er stark ist. Das sind die Stromer ja irgendwie alle. Entscheidend ist vielmehr, dass AMG mit diesem Auto eine Frage beantwortet, die Petrolheads seit Jahren stellen: Wie will ein elektrisches Performance-Auto emotional werden, wenn ihm Drehzahl, Schaltvorgänge und überhaupt der ganze Charakter des Verbrennungsmotor und dessen mechanische Eskalation fehlen?
Hyundai hat mit dem IONIQ 5 N und dem neuen IONIQ 6 N vorgemacht, dass ein Elektroauto durch simulierte Gangwechsel, künstliche Drehzahlgrenzen und aktiven Sound tatsächlich mehr Fahrspaß vermitteln kann. Porsche geht beim Taycan inzwischen denselben Weg und kopiert die Koreaner mit der neuen E-Shift-Funktion und dessen virtuellre Achtgang-Schaltlogik samt Lenkradwippen und künstlichem Drehzahlmesser ganz offen. Jetzt zieht also auch AMG nach.
Das ist bemerkenswert. Denn lange galt bei vielen Herstellern: Ein Elektroauto muss seine Überlegenheit gerade dadurch beweisen, dass es keine Gänge, keine Schaltunterbrechungen und keinen Verbrennerklang mehr braucht. Maximales Drehmoment, maximale Ruhe, maximale Effizienz. Aus technischer Sicht ist das logisch. Aus Sicht eines Petrolheads ist es aber nicht zwingend erfüllend.
Der elektrische CLA 45 zeigt, dass AMG diesen Zielkonflikt verstanden hat. In seinem emotionalsten Fahrmodus AMGForce S+ simuliert das Auto Schaltvorgänge, zeigt virtuelle Gänge und einen Drehzahlmesser an, spielt einen Vierzylinder-Sound im Stil des bisherigen AMG A 45 S ein und ergänzt das Ganze durch Sitzvibrationen.
Denn der bisherige CLA 45 lebte nicht nur von Leistung. Er lebte von seinem hochgezüchteten Zweiliter-Turbomotor, seinem Doppelkupplungsgetriebe, seiner Dramatik und dem leichten Hang zur Übertreibung. Der M139 war kein feinnerviger Motor, sondern ein aufgeblasener Kraftprotz. Er wirkte nicht nur manchmal rau, angestrengt und überambitioniert. Doch genau das machte ihn reizvoll.
Der neue elektrische CLA 45 kann diesen Charakter nicht einfach übernehmen. Er muss ihn übersetzen. Statt Ladedruck, Turbozwitschern und hartem Drehzahlbegrenzer bekommt er Software, Momentenverteilung und eine intelligente Inszenierung.
Das Geständnis: Müssen wir Ignoranz mit Akzeptanz tauschen?
Für klassische Autofans mag diese Digital-Spielerei gewöhnungsbedürftig sein. Aber ist sie damit wirklich automatisch falsch? Natürlich ist alles fake. Aber ist es geil? Wahrscheinlich schon. Porsche und Hyundai haben bewiesen, dass das menschliche Gehirn auf der Rennstrecke oder der Landstraße diese akustischen und haptischen Fixpunkte braucht, um Geschwindigkeiten und Einlenkpunkte ohne permanenten Blick auf den Tacho richtig einschätzen zu können. AMG liefert hier im 45er CLA also kein unnützes Spielzeug, sondern ein Werkzeug.
Technisch setzt AMG auf drei Axialflussmotoren. Zwei davon sitzen an der Hinterachse, ein weiterer an der Vorderachse. Die hintere Antriebseinheit ist der Hauptdarsteller. Sie besteht aus zwei kompakten, ölgekühlten Elektromotoren mit je eigenem Planetengetriebe. Damit kann AMG die Kraft sehr präzise zwischen den Hinterrädern verteilen. Aktives Torque Vectoring wird also nicht über Bremseingriffe gespielt, sondern direkt über den Antrieb.
Der vordere Motor arbeitet als zusätzlicher Booster. Wird seine Leistung nicht gebraucht, kann er über eine Disconnect Unit abgekoppelt werden. Das verbessert die Effizienz und erlaubt dem CLA 45 je nach Fahrprogramm unterschiedliche Charaktere. Im Eco-Modus fährt er im Kern als Hecktriebler. Bei Nässe oder im Glätte-Modus bleibt der Allradantrieb stärker aktiv. In den sportlichen Modi wird die Kraftverteilung variabler und aggressiver.
Genau hier wird der neue AMG interessanter als viele Konkurrenten. 680 PS allein sind heute keine Sensation mehr. Entscheidend ist, wie ein Auto mit dieser Leistung arbeitet. Ein Elektroauto kann sehr schnell und trotzdem stumpf sein. Oder es kann seine Motoren, Rekuperation, Lenkung und Momentenverteilung so koordinieren, dass es wirklich lebendig wirkt. Der CLA 45 versucht Letzteres.
Die Fahrleistungen passen zur Ansage. Mercedes-AMG nennt für den Sprint von 0 auf 100 km/h rund drei Sekunden. Mit Rollout wird ein Wert von 2,7 Sekunden kommuniziert. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h. Die Batterie besitzt 94 kWh nutzbare Kapazität und arbeitet mit 800-Volt-Technik. Für die Limousine werden bis zu rund 670 Kilometer Reichweite genannt, der Shooting Brake liegt mit etwa 640 Kilometern etwas darunter. Die maximale DC-Ladeleistung beträgt 330 kW. Der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent soll 22 Minuten dauern.
Auch optisch ein Wadenbeißer: Piranha-Look auch für den AMG CLA
Optisch macht AMG aus dem CLA keinen stillen Effizienzgleiter. Die Front trägt eine geschlossene Blende mit vertikalen AMG-Streben, also eine Art elektrische Interpretation des Panamericana-Grills. Das Lichtband des normalen CLA EQ entfällt beziehungsweise ist nur in Verbindung mit beleuchtetem Grill erhältlich. Dazu kommen AMG-spezifische Schürzen, breitere Räder, ein Diffusor und ein aktiv ausfahrender Heckspoiler.
Der Spoiler fährt je nach Fahrprogramm und Geschwindigkeit aus. In Eco, Comfort und Sport geschieht das ab 145 km/h, in AMGForce S+ und Race bleibt er dauerhaft aktiv. Vorn arbeiten aktive Kühlluftlamellen, die bis 250 km/h geschlossen bleiben können, sofern kein hoher Kühlbedarf besteht. Das reduziert den Luftwiderstand und verbessert die Reichweite. Erst bei größerer thermischer Belastung öffnen sie.
Innen bleibt der CLA 45 ein moderner Mercedes. Es gibt Sportsitze, auf Wunsch AMG Performance-Sitze, große Displays und die neue MBUX-Welt. Wichtiger als die reine Bildschirmfläche ist aber die AMG-Inszenierung. Wenn der Fahrer im richtigen Modus virtuelle Gänge sieht, künstliche Drehzahl erlebt und Schaltmomente spürt, wird das Cockpit zur Bühne für ein neues Zeitalter an Fahrgefühl.
Kann die Transformation gelingen?
Die Synthetisierung des Fahrspaß‘ muss nicht peinlich sein, das haben Hyundai und Porsche gezeigt. Viel mehr entsteht dadurch gerade eine neue Klasse von Elektroautos. Sie sind nicht möglichst glatt, sondern bewusst kernig. Autos, die zwar irgendwie so tun, als wären sie Verbrenner, aber diese Elemente eben geschickt als Interface nutzen. Und das nicht, weil die Elektromobilität das braucht, sondern weil der Mensch am Steuer es manchmal braucht, ja vielleicht sogar haben will.
Das kann man albern finden. Man kann es aber auch als Fortschritt begreifen. Denn Performance war nie nur objektiv. Ein Auto war nie nur schnell, weil es schnell war. Es war schnell, weil es sich schnell anfühlte. Genau diese Reibung fehlt vielen Elektroautos. AMG versucht nun, sie digital zurückzuholen.
Und allein das freut uns als Hardliner. Weil es zeigt, dass sich in den Entwicklungsabteilungen der Blick geändert hat. Es wird nicht mehr nur alles dem Effizienzjoch der Elektrifizierung untergeordnet, stattdessen rückt die Freude wieder in den Vordergrund. Und bei aller Skepsis, bei allen Memes, bei allem Schalk über 2,5 Tonnen Leergewicht: Es ist der erste Versuch. Der elektrische CLA 45 ist der Start in ein neues Kapitel. Und es dürfte spannend werden, egal ob wir das Cover von Beginn an cool oder lächerlich finden.
Preise und Marktstart
Noch hat Mercedes nichts Offizielles kommuniziert. Klar ist aber: Der elektrische CLA 45 wird kein günstiges Auto. Angesichts der Technik, der Batteriegröße und der AMG-Positionierung dürfte er deutlich oberhalb der normalen CLA-EQ-Versionen liegen. Neben der Limousine ist auch ein Shooting Brake geplant. (Text: an | Bilder: Hersteller)
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