Vergleichstest: Dacia Sandero vs. Lada Kalina – Zeitmaschinen

Moderne Kleinwagen bieten mittlerweile Komfortextras, die es noch vor wenigen Jahren nur, wenn überhaupt, in der automobilen Oberklasse gab.

Der neue Ford Fiesta etwa lässt sich mit Schnickschnack wie einem schlüssellosen Zugangssystem, Bluetooth-Freisprecheinrichtung und Top-Audiosystem zum Hightech-Flitzer aufrüsten. Doch es geht auch anders: Dacia und Lada nehmen uns mit auf eine Zeitreise, zurück in die Neunziger Wer nach dem Einsteigen im Lada das Radio einschaltet, erwartet unwillkürlich. dass ihm der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika namens Bill Clinton gemeldet wird oder die blechern tönende Stimme die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen in Deutschland verkündet.

Keine Dauerwellen mehr

Nur die vorbeiziehenden Fußgänger wollen nicht so recht ins Bild passen: Sie tragen keine Dauerwelle, drücken Mobiltelefone ans Ohr und holen mich so zurück in die Gegenwart.

Verantwortlich für meine Zeitreise sind weder Laserstrahlen, die in Bose-Einstein-Kondensat kreisen, noch ein Fluxkompensator – nein, meine Zeitmaschine heißt Lada Kalina. Denn: Wer den Kalina – das bedeutet im Russischen übrigens Schneeballstrauch – betrachtet, mag kaum glauben, dass der Wagen erst 2005 in Produktion ging. Optisch erinnert der schlichte Russe, der offiziell „1117“ heißt, an zehn bis fünfzehn Jahre alte VW Polo, Ford Fiesta oder Opel Corsa.

Im Vergleich mit dem Lada wirkt der seit 2008 erhältliche Dacia Sandero, trotz nahezu gleicher Grundzüge, richtig modern. Ein bisschen kantigere Formen, große, schicke Scheinwerfer und eine bulligere Frontschürze sind zwar nicht Designpreis-verdächtig, lassen den Rumänen aber deutlich jünger wirken als den Kalina.

Barocke Optik

Beide Cockpits versprühen den Charme einer Amtsstube - doch nur im Lada riecht es auch so. Das verbaute Hartplastik sondert einen strengen, Chemiegeruch ab. Immerhin sorgen serienmäßige elektrische Fensterheber an den Vordertüren für schnelle Frischluftzufuhr. Auf unnütze Verkleidungen, etwa am Handbremshebel, verzichtet der russische Autobauer ebenso wie auf allzu strenge Qualitätskontrollen. Das Handschuhfach klemmt, die Spaltmaße sind mal größer, mal kleiner.

Der Dacia wirkt auch innen zeitgemäßer, wenngleich auch er aus der letzten Dekade stammen könnte. Das Lenkrad kann ebenfalls nur in der Höhe verstellt werden, das bessere Gestühl trägt aber zu einer deutlich angenehmeren Sitzposition bei als im Lada. Die Schalter für die elektrischen Fensterheber sind ungünstig in der Mittelkonsole angebracht. Dafür ist der Sandero erkennbar hochwertiger verarbeitet, die Kunststoffe fühlen sich besser an und die weiß hinterlegten Rundinstrumente sind schicker als die barocken Anzeigen im Kalina.

Geräumige Kleine

Womit beide Kleinwagen überzeugen, ist ihr üppiges Platzangebot. Sowohl im gut vier Meter langen Dacia als auch im zwanzig Zentimeter kürzeren Lada können fünf Passagiere Platz nehmen. Der Einstieg in den Fond ist dank großer Türen einfach, Kopf und Beinfreiheit gehen hier wie da in Ordnung. Der Sandero punktet zudem mit üppigem Stauraum: 320 Liter sind es in der Standardkonfiguration, und mit umgeklappter Rückbank (serienmäßig) schluckt er gar 1.200 Liter. Ladafahrer müssen sich mit einem durchschnittlichen Gepäckvolumen zwischen 260 und 600 Kubikdezimetern zufrieden geben.

Anders als Marty McFly, der in „Zurück in die Zukunft“ mit seinem DeLorean die Problematik der 140-km/h-Geschwindigkeitsbarriere überwinden musste, wenn er in die Vergangenheit reisen wollte, hat keine der beiden getesteten Zeitmaschinen Probleme, die genannte Tempohürde zu überwinden; beide laufen mit etwas Anlauf um die 170 km/h.

Ganz konventionell, per Zündschlüssel, werden die beiden Kleinwagen zum Leben erweckt, wenn die Zeitreise beginnen soll. Im Dacia, der die Lauréate genannte höchste und teuerste Ausstattungsstufe verkörpert, startet man so einen 87 PS starken 1,6-Liter-Benziner. Mutet man der Kurbelwelle des drehfreudigen Vierzylinders viele Umdrehungen pro Minute zu, erweist er im Stadtverkehr als ausreichend spritzig. Und auch auf der Autobahn lässt sich damit problemlos im Strom mitschwimmen. Vorausgesetzt, man akzeptiert das etwas hohe Geräuschniveau.

Rau und laut

Keineswegs leiser geht es im Lada zu. Sein ebenfalls 1,6 Liter großer Vierzylinder läuft rau und laut. Mit 81 PS ist der Kalina ebenfalls ausreichend motorisiert; er wirkt bei höheren Touren aber weitaus zäher als der Dacia. Und über acht Liter Durchschnittsverbrauch sind hier wie da zuviel. Moderne Kleinwagen schaffen durchaus eine Fünf vorm Komma.

Anders als der Motor im Lada, der zumindest einen akzeptablen Eindruck hinterlässt, sorgen Bremsen, Getriebe und Lenkung für Entsetzen. Ist man in den 90er Jahren wirklich noch so Auto gefahren? Alles will mit Nachdruck bedient werden, von Präzision keine Spur. Beispiel Lenkung: Sie arbeitet nach dem Wünsch-dir-was-Prinzip: Der Fahrer wählt die Richtung vor: wo der Lada dann hinfährt, weiß man nicht so genau. Häufiges Korrigieren ist unvermeidbar, von Anschlag zu Anschlag sind es mehr als vier Umdrehungen, und beim Lenken hört man ein beängstigendes Schleifgeräusch.

Gefährliche Bremsen

Ebenso das Getriebe: Ein Kochlöffel im Hefeteig schlägt die manuelle Fünfgang-Box in Punkto Genauigkeit um Längen. Hat man den richtigen Gang gefunden, muss man ihn nur noch reinkriegen. Kleiner Tipp: Zwischengas geben hilft mitunter. Und dann die Bremsen: Wie Dacia verbaut Lada vorne Scheiben- und hinten Trommelbremsen. Von einem ABS hat der Kalina noch nichts gehört - und deshalb gehört er eigentlich nicht auf die Straße! Und über 50 Meter Bremsweg sind nicht nur ein schlechtes Ergebnis, sondern richtig gefährlich.

Das alles macht der Dacia besser: Sein Fünfganggetriebe ist leichtgängig und genau, wenn auch die Schaltwege etwas lang sind. Er fährt stets in die Richtung, die der Fahrer vorgibt, und die Bremsen packen fester zu – wobei auch Dacia noch Verbesserungspotenzial hat. Auch fahrwerksseitig macht der Sandero die bessere Figur. Seine Feder-Dämpfer-Abstimmung ist komfortabel, ohne schwammig zu wirken, grobe Unebenheiten bügelt er ordentlich glatt. Geht man Kurven zu flott an, untersteuert der Rumäne spürbar, bleibt aber gut kontrollierbar. Manko: ESP gibt es nicht einmal gegen Aufpreis.

Über das elektronische Stabililtätsprogramm denkt man beim Lada am besten genau so wenig nach wie über schnelle Richtungswechsel. Wie die Lenkung vermittelt auch das Fahrwerk kaum Kontakt zur Straße, in der Kurve gibt es gerne nach. Die weiche Auslegung verdankt der Kalina den schlecht ausgebauten Straßen seines Heimatmarkts.

Preisfrage

Warum also den Lada kaufen? Bislang war es der Preis, der für den Kalina sprach: 7.390 Euro sind nicht zu unterbieten. Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrische Fensterheber vorne und ein kleiner Bordcomputer sind immer an Bord, Nebelscheinwerfer und eine Klimaanlage gibt es gegen Aufpreis, und in den Radioschacht passen alle handelsüblichen Geräte.

Technische Daten
Marke und Modell Dacia Sandero Lada 1119 "Kalina"
Ausstattungsvariante Lauréate
Abmessung und Gewicht
Länge/Breite/Höhe (mm) 4.020 / 1.746 / 1.534 3.850 / 1.700 / 1.500
Radstand (mm) 2.589 2.470
Wendekreis (m) 10,5 k. A.
Leergewicht (kg) 1.111 1.080
Kofferraum (Liter) 320 - 1.200 260 - 900
Bereifung Testwagen 185/65 R15 175/65 R14
Motor
Hubraum (ccm) / Zylinder (Zahl, Bauart) 1.598 / 4, Reihe 1.596 / 4, Reihe
Leistung (PS) 87 81
Drehmoment (Nm) / Umdrehungen 128 / 3.000 122 / 2.500
Antriebsart Frontantrieb Frontantrieb
Getriebeart manuelles 5-Gang-Getriebe manuelles 5-Gang-Getriebe
Verbrauch
Krafstoffart Benzin Benzin
Kombiniert laut Werk (l/100km) 7,2 7,1
CO2-Emissionen (g/km) / Abgasnorm 170 / Euro 4 177 / Euro 4
AS24-Verbrauch (l/100km) 8,2 8,3
Fahrleistungen
Werksangabe 0-100km/h (s) 11,5 13,0
AS24-Sprint 0-100km/h (s) k. A. k. A.
AS24-Bremstest 100-0km/h (m) k. A. k. A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h) 174 165
Preise
ab (Euro) 10.000 7.930
Empfohlene Extras Elektropaket inkl. el. Fensterheber vorne und Zentralverriegelung (300 Euro), Klang & Klima-Paket inkl. Klimaanlage und CD-Radio (1.250 Euro), Seitenairbags vorn (280 Euro) Klimaanlage (1.200 Euro), Leichtmetallräder 14 Zoll (650 Euro), Nebelleuchten (250 Euro)
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Mit dem Sandero hat der Lada allerdings einen starken Konkurrenten bekommen. Der Einstieg in die Dacia-Welt beginnt bei 7.500 Euro – zugegeben ohne Servolenkung, Zentralverriegelung und geteilte Rückbank. Greift man zu der von uns getesteten Lauréate-Ausstattung, werden mindestens 10.000 Euro fällig, inklusive Klimaanlage, CD-Radio und Metalliclackierung sogar 11.700 Euro.

Fazit

Der Purismus beider Fahrzeuge wirkt durchaus erfrischend. Sie zeigen unsereinem, wie verwöhnt wir heutzutage sind, und beweisen: Es geht auch anders. Mit dem Lada kommt man ebenfalls von A nach B, ganz ohne Klimaanlage, ohne elektrische Spiegelverstellung und erst recht ohne Sitzheizung. Beide Fahrzeuge bieten ein üppiges Platzangebot und ausreichend starke, wenn auch durstige Motoren.

Der Lada aber verscherzt sich jede wohlwollende Beurteilung durch sein abenteuerliches Fahrverhalten und das fehlende ABS: Solange es keine stärkeren Bremsen und kein Anti-Blockier-System gibt, sollte der Kalina nicht auf die Straße gelassen werden! Der Dacia erlaubt sich keine derart gravierenden Schwächen und punktet außerdem bei der Verarbeitungsqualität und Materialauswahl. Zwar erinnert auch der Sandero-Innenraum an vergangenen Zeiten, doch soweit wie im Lada geht die Zeitreise nicht zurück.

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