Avantissimo: Fahrbericht Audi A6 Avant 45 TFSI quattro (2019)

Der neue Audi A6 Avant greift mit bester Verarbeitung und allerhand technischen Highlights die Oberklasse – auch im eigenen Hause – an. Doch kann hier ein Vierzylinder-Benziner wirklich überzeugen, und wie ist es um die ausladende Preisliste bestellt? Wir sind den neuen A6 ausgiebig Probe gefahren.

Mitunter verfügt die aktuellste Generation des Audi A6, hier gefahren als 45 TFSI quattro, über eine recht gespaltene Persönlichkeit. Er startet in der oberen Mittelklasse mit einem noch vermittelbaren Grundpreis von 56.650 Euro, provoziert als vollgestopfter Luxuslaster aber zugleich eine Familienfehde mit dem gleichermaßen frischen A8. Doch wird aus dem provinziellen Alleskönner allein dadurch ein Aristokrat, nur weil auf seinem Preisschild, wie im Falle unseres Testwagens, mehr als 89.000 Euro prangen?

Audi-A6-Hero-groß

Stimmiges Außendesign

Das gilt es wohl herauszufinden, und gleich zu Beginn wollen wir festhalten: Mehr Kombichic gibt es derzeit weder bei Mercedes noch bei BMW zu bestaunen. Freilich ist das Ansichtssache. Doch die Nummer mit dem Avant können sie in Ingolstadt; zeigten sie bereits zu Zeiten von Audi 100/200 großes Feingefühl bei Formen und wurden über die Jahre immer besser. Obschon des Autors persönlicher Liebling der A6 Avant C5 bleibt, der neuen Designsprache von Audis Kreativchef Marc Lichte kann man einiges abgewinnen. Außen hui – und innen? Zweifach hui! Lassen wir die gesalzene Aufpreispolitik der Bayern noch kurz außen vor, so fehlt qualitativ definitiv nicht mehr viel zum erlauchten Trimm der Schwestermarke Bentley.

Audi-A6-Avant-interior

Qualität auf Bentley-Niveau

Doch die nackten Zahlen holen einen unmittelbar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Für die äußerst bequemen, in samtiges Valcona gehüllten Individualkontursitze und den auch sonst reichlich verzierten Innenraum möchte man in Ingolstadt rund 4.800 Euro haben. Hinzu kommt noch die unumstößliche Wahl eines der beiden Ausstattungspakete Sport oder Design für weitere 2.300 Euro. Ohne diese getroffene Auswahl erhält man erst gar nicht die Option auf ein besseres Gestühl. Bestenfalls sitzt man dann auf einem alternativen Sitzbezug aus einem Hauch von Echtleder, gemischt mit haufenweise mono.pur 550-Kunstleder. Übrigens: Wer noch mehr Kuhhaut wünscht, der kann sich seinen Innenraum beim Audi-Sattler auch für maximale 11.000 Euro ausstaffieren lassen.

Audi-A6-Avant-virtual-cockpit

Sündhaft teure Extras

Nein, ein günstiges Vergnügen ist der Audi A6 Avant definitiv keines, was auch die Infotainment-Extras unter Beweis stellen. Wenngleich das gut bedienbare MMI-Navigationssystem mittlerweile immer mit von der Partie ist, kostet die Plus-Variante des besagten Systems mitsamt des großartigen Audi virtual cockpit im Paket weitere 2.200 Euro. Apropos: Die hochauflösende 12,3-Zoll-Instrumentenkombi gibt es leider nicht mehr als Einzeloption zu bestellen. Derlei folgt der rollende Konzertsaal in Form des Bang & Olufsen Premium Sound Systems mit 3D-Klang für ausstattungsabhängig mindestens 770 Euro. Dieses tönt zwar in der Tat schon ziemlich gut, aber wenn man bedenkt, dass es auch noch das B&O Advanced System gibt, fühlt man sich beinahe sozialhilfebedürftig. Es kostet schlappe 6.450 Euro und, je nach gewählter Basisausstattung, 320 Euro zusätzlich für das erzwungene Ambiente-Lichtpaket.

Audi-A6-Avant-frontal

Fehlbesetzung: Der 45 TFSI

Über so viel kleinteiliges Preisgebaren seitens Audi kann man vortrefflich debattieren – und auch darüber, ob zu diesem Auto nun ein Vierzylinder-Benziner passt oder nicht. Wir für unseren Teil meinen, dass der Zwei-Liter-45 TFSI mit seinen 245 PS und 370 Newtonmetern eine Fehlbesetzung ist. Zwar verfügt auch er mittlerweile über ein immerhin 12 Volt starkes Mildhybrid-System; die vermehrten spritfreien Segeleinlagen des Systems können den Gesamtverbrauch aber nicht im Wesentlichen reduzieren. So sind die von uns im Durchschnitt erfahrenen zehn Liter mit Sicherheit kein Vorsprung durch Technik mehr. Das Aggregat geht zudem weder als dynamisch noch als emotional durch und kann – nur im niederen Tourenbereich gehalten – durch seine recht zurückhaltende Geräuschkulisse punkten.

Audi-A6-Avant-engine

10 Liter im Durchschnitt

Hinzu kommt, dass das 7-Gang-DSG im Automatikmodus die Gänge beim Antritt eher behäbig serviert, was man durch den Schwenk in die manuelle Schaltgasse aber schnell in den Griff bekommt. Mittlerweile symptomatisch für den VW-Konzern: Am Ende der Drehzahlskala wird von allein in den nächsthöheren Gang gewechselt. Aus dem Stand und laut der beiliegenden Datenkarte des Testwagens soll der Audi A6 Avant 45 TFSI quattro 100 km/h nach gut 6,8 Sekunden erreichen. Auf der Audi-Webseite werden mittlerweile 6,2 Sekunden angegeben.

Audi-A6-Avant-back

Tolle Kurvendynamik

Etwas klarer als solche Werte ist hingegen die Tatsache, dass das Spitzentempo von 250 km/h nur mit sehr viel Anlauf zu erreichen ist. Viel Lob und Anerkennung gibt es von uns jedoch in Richtung des Fahrwerks. So offenbart der Audi A6 Avant, sofern mit der elektronischen Dämpferregelung ausgerüstet, durchaus seine dynamische Seite. Vor allem in engen Kurvenkombinationen hält der rund zwei Tonnen schwere Allradwagen ziemlich treu die Spur. Die Lenkung ist hingegen bei niedrigen Geschwindigkeiten und im Comfort-Modus gefahren – gerade aus der Nulllage heraus – etwas arg gewichtsbefreit abgestimmt. Unter Zug und etwas Vehemenz jedoch macht sie sehr viel Laune und liefert ein ordentliches Straßenfeedback.

Audi-A6-Avant-trunk

Reisen statt rasen

Wer sich solch einen Luxuslaster zulegt, der möchte aber meist nicht rasen, sondern reisen. Und das beherrscht der Audi A6 Avant wie kaum ein Zweiter in seiner Klasse. Wie der Wagen im Normalfall abrollt, ist schon eine Schau – und auch, wie die Doppelverglasung die Insassen von Außengeräuschen abschirmt. Selbst die Klimaanlage hält sich stets vornehm im Hintergrund, und Platz gibt es zumindest in der ersten Reihe fürstlich. Hinten kann es dagegen, in Abhängigkeit von der Fahrerstatur, etwas enger zugehen. Aber auch das Kofferabteil mag nicht restlos überzeugen: So sind 565 bis maximal 1.680 Liter zwar üppig bemessen – die umgelegte Sitzbank bildet aber eine unpraktische Rampe.

Audi-A6-Avant-side

Fazit

Assistenzsysteme hat der neue Audi A6 Avant natürlich ebenfalls in Hülle und Fülle zu bieten. Sie erledigen aber weiterhin nur eher rudimentäre Aufgaben, und gerade das Spurführungssystem funktionierte nur bei perfekten Markierungen ausreichend gut. Ohnehin machen die zahlreichen Helferlein derzeit meist nur im zähen Stadtverkehr Sinn. Fernab des angepeilten automatisierten Fahrens ist der A6 allerdings ein ziemlich gutes Auto geworden, das im Vergleich zu seinen Mitbewerbern insbesondere durch seinen qualitativ hochwertigen Innenraum und den hohen Fahrkomfort auffällt. Den Vorsprung durch jegliche moderne Technik lässt sich Audi aber immer heftiger vergolden. So sind 100.000 Euro und mehr für einen eher mäßig motorisierten Audi A6 Avant 45 TFSI quattro mittlerweile ohne Verrenkungen möglich. In diesen Preissphären angelangt, bleibt allerdings der große Bruder A8 das Maß der Dinge. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)

Technische Daten*

  • Modell: Audi A6 Avant 45 TFSI quattro
  • Motor: Vierzylinder-Turbobenziner, 1.984 ccm
  • Leistung: 245 PS (180 kW)
  • Drehmoment: 370 Nm
  • Antrieb: quattro ultra, 7-Gang S tronic
  • Verbrauch: 6,8-6,5 l Super/100 Kilometer
  • Beschleunigung (0 – 100 km/h): 6,2 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 4,94 m/1,89 m/1,46 m
  • Gewicht: ca. 1.850 Kg
  • Grundpreis: 56.650 Euro (Deutschland)

*Herstellerangaben

Artikel teilen

vogelhuber.avif

Thomas Vogelhuber

Thomas Vogelhuber ist seit März 2019 Chefredakteur des AutoScout24 Magazins und verantwortet die inhaltliche sowie strategische Ausrichtung der Redaktion einschließlich der Weiterentwicklung aller Content-Formate, insbesondere im Bereich Video. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Automobiljournalismus und beschäftigt sich mit aktuellen Mobilitätstrends, neuen Antriebstechnologien sowie der Entwicklung des Automobilmarktes. Privat gilt seine besondere Leidenschaft klassischen Fahrzeugen - sein Traumwagen bleibt der Audi RS 6 Avant C5 in Goodwood Grün.

Aktuelle Angebote

Alle Artikel

Alle ansehen
A242688 medium

Audi RS Q8 performance (2026) im Test: 640 PS gegen jede Vernunft

640 PS, 850 Nm, 305 km/h Spitze: Der Audi RS Q8 performance ist das stärkste Verbrenner-SUV aus Ingolstadt. Vernünftig ist daran wenig, faszinierend dafür umso mehr.

Mehr lesen
Audi RS Q8 performance (2026) im Test: 640 PS gegen jede Vernunft
audi-rs-3-2026-titel-tv

Audi RS 3 Competition Limited (2026) im Test: Der finale Fünfzylinder?

Er kam, sah und begeisterte. Der Fünfzylinder von Audi feiert sein 50. Jubiläum und gleichzeitig seinen Abschied in Europa. EU7 schiebt den Fünfender aufs Abstellgleis, und die Ingolstädter huldigen ihm mit einem Abschiedsmodell. Wie sich der Audi RS 3 Competition Limited fährt, zeigt unser Test.

Mehr lesen
Audi RS 3 Competition Limited (2026) im Test: Der finale Fünfzylinder?
audi-q4-etron-2026-tv-titel

Audi Q4 e-tron Facelift (2026): Erste Sitzprobe, mehr Reichweite und neue Digital Stage

Mehr Reichweite, Digital Stage mit bis zu drei Bildschirmen, neues Design und erstmals V2X: Audi frischt den Q4 e-tron gründlich auf. Wir saßen schon im Facelift-Modell und sagen, was sich wirklich verbessert hat.

Mehr lesen
Audi Q4 e-tron Facelift (2026): Erste Sitzprobe, mehr Reichweite und neue Digital Stage