Erster Test: VW Crafter 4Motion – Bringt alles überall hin

Der mächtige Laderaumriese geht Wege, die sonst eher Berg-Grazien wie dem Unimog vorbehalten sind. Allerdings war hierfür technische Schützenhilfe aus Tirol nötig: Der 4x4-Spezialist Achleitner steuert die entscheidende Technik bei. Dass hier nicht einfach nur ein großer Lieferwagen angetreten ist, sieht man dem Hochbeiner schon auf den ersten Blick deutlich an. Denn um rund zehn Zentimeter wurde das Fahrwerk höher gebockt und eröffnen sich entsprechend gewaltige Freiräume in den Radkästen, in denen zudem für den Offroad-Einsatz besonders taugliche BF Goodrich anzeigen, dass hier ein Profi-Spielzeug für echte Raubeine steht.
Ein Blick unter das Fahrzeug offenbart zudem, dass eine sehr aufwändige und traktionsfördernde Robust-Technik verbaut wurde. So haben die Fahrwerksfedern der speziellen Achleitner-Achsen nicht nur längere Wege, sie wurde zudem noch verstärkt. Außerdem kommen härtere Stoßdämpfer mit progressiver Kennung und geänderten Stabilisatoren zum Einsatz.
Untersetzung und drei Sperren
Noch wichtiger aber ist das Allradsystem selbst. Neben einer besonders knackig-kurzen Geländeuntersetzung von 1:2,5 sind es die diversen Sperren, die dem Crafter zu seiner hohen Gipfelstürmer-Kompetenz verhelfen. Während das System grundsätzlich mit einer zuschaltbaren Sperre für Verteilergetriebe und Hinterachse ausgeliefert wird, kann man optional sogar eine dritte 100-Prozent-Sperre für die Vorderachse ordern. Im Extremfall kann man also mit allen zugeschalteten Sperren bis zu 100 Prozent des Motordrehmoments an nur ein Rad leiten.
Links vom Lenkrad befindet sich in unserem mit allen verfügbaren Sperren ausgestatteten Testexemplar eine kleine Batterie von vier Schaltern, um Untersetzung und die drei Sperren zu aktivieren. Dabei muss man im Stand bei laufendem Motor nur einmal kurz die Knöpfe drücken und begleitet von einem dezenten Zischen und Pfeifen signalisiert dann ein kleines gelbes Lämpchen im Schalter die erfolgreiche Aktivierung der Sperren. Aktiviert werden die Sperren über ein elektro-pneumatisches System, daher die ungewöhnlichen Geräusche.
Nur mit Biturbo kombinierbar
Normal wird die Kraft des einzig verfügbaren Motors, ein 163 PS und 400 Newtonmeter starker Zwei-Liter-Biturbo-Diesel, gekoppelt mit manuellen Sechs-Gang-Schaltung, gleichmäßig im Verhältnis 50 zu 50 zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt. Damit kommt man auch angesichts von erhöhter Bodenfreiheit und sogar recht guten Rampen- und Böschungswinkeln (28 bzw. 25 Grad) schon einigermaßen weit. Doch mit Hilfe des Reduktionsgetriebes und der Sperren geht der Allesbezwinger noch viel, viel weiter.
Speziell für die Fahrpräsentation hat VW einen bemerkenswert anspruchsvollen Geländeparcours präpariert, bei dem an einigen kniffeligen Sektionen die sonst üblichen Instruktoren mit Abwesenheit glänzten. Nach einer kurzen Einweisung wurden wir einfach ins unwegsame Terrain geschickt und blieben nach wenigen Metern vor der ersten großen Kuhle respektvoll stehen. In dieses Loch mussten wir gut einen halben Meter tief allein mit den linken Rädern eintauchen und konnten wir mit nur mäßig guter Achsverschränkung und deutlicher Schlagseite (bis zu 45 Grad Seitenneigung meistert der Crafter) und zeitweilig in der Luft stehenden Rädern vorsichtig und mit einem etwas mulmigen Gefühl hindurchkriechen. Geschafft! Und sogleich haben wir etwas mehr Vertrauen in die offensichtlich kompetente Technik gewonnen, um uns der nächsten schwierigen Aufgabe zu stellen.
Petri Steil
Einige Meter weiter ging es dann steil bergauf, wir gehen auf Nummer sicher und aktivieren gleich die ganze Batterie verfügbarer Sperren und selbstredend die Getriebereduktion. Die Manövrierfähigkeit ist zwar jetzt spürbar eingeschränkt, doch kriecht der riesige Crafter im ersten Gang erstaunlich locker den staubigen Lehmhügel hinauf, sorgt die ausgeklügelte Mechanik für eine souveräne Traktion trotz schwierigster Bedingungen. Etwas nervig ist allerdings die manuelle Schaltung und das Spiel mit der Kupplung, eine Automatik würde in einigen Situationen den kniffeligen Offroad-Einsatz erleichtern.
Es geht aber auch ohne, nämlich an einer besonders steilen und langen Auffahrt, vor der uns diesmal ein Instruktor noch ein paar Hinweise gibt. Seine Empfehlung: Der Sperre der Vorderachse raus, den zweiten Gang einlegen und mit etwas Anlauf und mit nachfolgend gleichmäßigem Gasfuß einfach die Steigung hinaufkraxeln. Zum Glück wühlt sich der Crafter auch hier ganz lässig voran, geht uns nicht auf halben Weg die Traktion verloren. Dann nämlich müsste man sich ganz sachte wieder rückwärts herunter tasten, was kein wirklich angenehmes Manöver ist, schon gar nicht mit einem großen Crafter.
Nichts zu steil
Steile Bergabfahrten lassen sich vorwärts in jedem Fall beeindruckend gut bewältigen. Hier tasten wir uns an einen fast bodenlos wirkenden Abhang ohne die Vorderachssperre im ersten Gang heran, lassen den Wagen über die Kante kippen und nehmen den Fuß von der Bremse. Dabei hilft dem Crafter keine Bergabfahrhilfe mit gezielten Bremseingriffen, sondern sorgt allein die spezielle 4x4-Mechanik dafür, dass der Wagen ganz gelassen und keineswegs überstützt den Abhang hinunterrollt. Als Fahrer muss man sich dann nur noch auf das Lenken konzentrieren.
Keine Frage: Der Crafter 4Motion ist ein Ausnahmetalent, welches sich für wirklich schwierige Offroad-Einsätze bestens eignet. Insofern ist sein Einsatzgebiet auch sehr eingeschränkt, denn es handelt sich um ein reines Nutzfahrzeug, welches zum Beispiel von Stromkonzernen genutzt werden könnte, die den Allradler zur Wartung von Stromleitungen weit abseits befestigter Straßen einsetzt. Als Rallye-Begleitfahrzeug oder Expeditionsfahrzeug dürfte der Crafter 4Motion ebenfalls ein gute Figur machen. Wer den Allrad-Transporter übrigens artgerecht einsetzt, sollte ihn unbedingt mit dem gefederten Sitz von ISRI ausstatten, der viele Stöße beim Offroad-Gehoppel von der Fahrerwirbelsäule fernhält.
Zwei-Rechnungs-Fahrzeug
Bestellen kann man den Crafter 4Motion übrigens direkt bei VW, man muss dann allerdings zwei Kaufverträge unterschreiben: Einmal für den mindestens 33.000 Euro teuren Crafter mit Biturbodiesel und darüber hinaus für das rund 20.000 Euro teure Achleitner-4x4-Programm. Allerdings hat man für das Zwei-Rechnungs-Fahrzeug beim VW-Partner nur einen Ansprechpartner und muss man sich als Kunde also nicht mit zwei Vertragspartnern herumschlagen.
Zur Wahl stehen viele verschiedene Karosserie-Varianten des Crafter, als Kombi mit bis zu neun Sitzen, als Kasten- sowie Pritschenwagen und als reines Fahrgestellt mit Einzel- oder Doppelkabine, sowie mit 3.250, 3.655 oder 4.325 Millimeter langen Radständen. Viele Kombination sind also denkbar.
Fazit
Wer ein besonderes Transporttalent mit besonderen Geländefähigkeiten paaren will, bekommt bei VW mit dem neuen Crafter 4Motion ein besonders kompetentes Angebot. Dank der technischen Mittäterschaft von Achleitner, bezwingt der hochbeinige Crafter mit besonders kurzer Geländereduktion und bis zu drei Sperren selbst schwierigste Passagen. Allradfreunde kann das begeistern. Doch eigentlich gibt es nur wenige Einsatzgebiete, für die sich dieses leider auch ziemlich teure Highend-4x-4-System wirklich lohnt.
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