Test Alfa Romeo Giulia Veloce Ti: Italienische Versuchung

Drei Jahre ist die schöne Alfa Romeo Giulia mittlerweile auf dem Markt und erhielt nun erstmals eine umfangreiche Überarbeitung. Wir baten die Ausstattungslinie Veloce Ti mit dem 280 PS starken Vierzylinder zur Probefahrt und klären im Testbericht, ob sie den großen Namen zurecht tragen darf.

Sie trägt einen großen Namen und meistert seit nunmehr drei Jahren eine ebenso große Herausforderung: Das Erbe eines erfolgreichen Automobils fortzutragen und gleichzeitig den Bestand eines Unternehmens zu sichern, ist Aufgabe der Alfa Romeo Giulia. Damit dies keine fixe Idee bleibt, fährt man in Turin einiges auf. Hinter- oder Allradantrieb, ein extrem steifes Chassis, moderne Antriebe und natürlich, wie von Alfa Romeo gewohnt, einen mehr als schicken Auftritt. Wir fuhren eine Woche lang die stärkste Ausbaustufe nach der 510 PS starken Quadrifoglio, die Giulia Veloce Ti mit 280 PS starkem Turbo-Vierzylinder.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-10

Veloce Ti: Nur mit 210 oder 280 PS

Diesen Motor kann man sowohl in der Giulia als auch im SUV Stelvio in zwei Ausbaustufen erwerben, wobei die 280 PS-Variante ausschließlich mit dem Q4 genannten Allradantrieb sowie Achtgang-Automatikgetriebe erhältlich ist. Die höchste Ausstattungslinie Veloce TI ist an diese Motorenvariante gekoppelt, alternativ gibt es nur noch einen 210 PS starken Turbodiesel.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-20

Außen aggressiv elegant, innen sportlich schick

Rein äußerlich unterscheidet sich die Giulia Veloce Ti ganz bewusst nur noch für den ausgewiesenen Kenner von der 230 PS stärkeren (und rund 20.000 Euro teureren) Giulia Quadrifoglio. Carbon-Einsätze am Alfa-typischen Scudetto, mächtige Seitenschweller, Außenspiegel und eine deutliche Abrisskante am Kofferraumdeckel aus dem Leichtbaustoff sind einige ihrer Merkmale. Schwarze Schriftzüge, viel Leder und Carbon im Innenraum und die umfangreiche Serienausstattung die weiteren. Dass man hier nicht eine beliebige Giulia fährt, merkt man also spätestens nach dem Einstieg.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-21

Sitzt wie frisch vom Schneider

Und sie sitzt auch wie der sprichwörtliche Maßanzug. Die Quadrifoglio-Sportsitze sind eng geschnitten und vergleichsweise hart gepolstert, dafür vielseitig einstell- und natürlich beheizbar. Auch das gut in der Hand liegende Lenkrad, das allerdings nach wie vor auf einen etwas seltsamen Materialmix aus Kunststoff und Leder setzt, bietet einen weiten Verstellbereich. Dennoch stoßen sich Großgewachsene die Knie beim Aussteigen gerne an der ausladenden Lenksäulenverkleidung. Im Übrigen bilden die verwendeten dunklen Materialien und die tiefe Sitzposition einen eher gedrungenen Eindruck bei den Passagieren, die aber auf allen vier Sitzplätzen eine kommode Position einnehmen können.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-3

Die erste Alfa-Limousine mit Hinterradantrieb (seit 1992)

Doch das deutlichste Erkennungszeichen eines Alfa Romeo ist und war bisher immer sein einzigartiges Fahrgefühl. Etwas, das man einem eingefleischten Daimler-Fahrer nicht objektiv erklären kann. Und das zugegebenermaßen in der Vergangenheit zwischen 1992 und 2016 vorderradgetriebenen Alfas ziemlich abging. Mit der Giulia hingegen haben die Italiener wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Das merkt ein Jeder bereits auf den ersten Metern, wenn der Zweiliter-Turbo etwas nervös aber ohne künstliches Getöse im Leerlauf brabbelt und die Vorderachse auf den kleinsten Lenkbefehl unmittelbar mit einer Richtungsänderung reagiert.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-23

Antrieb: Es gibt noch etwas Luft nach oben

Gibt man der rund 1,6 Tonnen schweren Giulia nach ausgiebiger Warmlaufphase (schön: ein Automobil mit Öltemperaturanzeige!) die Sporen, verfestigt sich im Kopf des Fahrers das Bild einer kleinen, aber feinen und sehr analog zu bewegenden sportlichen Limousine. Bissig hängt der Zweilitermotor insbesondere im Fahrmodus „Dynamic“ am Gas, dreht im Vergleich zu konkurrierenden Produkten willig über die 4.000er-Marke und ist sich glücklicherweise für imitierte Fehlzündungen oder ähnliches zu schade. Er klingt auch gar nicht so übel, aber nicht dumpf grummelnd wie manch anderer. Die Beschleunigungswerte (Alfa gibt optimistische 5,2 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h an) rissen uns zwar subjektiv nicht von den Leder-Alcantara-Stühlen. Vielmehr macht das 400 Newtonmeter starke Aggregat aus der Giulia ein harmonisch motorisiertes Auto, das auch auf der Landstraße Vollgas verträgt, ohne dass man gleich Angst um seine Papiere haben müsste. Den Preis dafür zahlt man allerdings an der Zapfsäule, wir bewegten die Giulia unter forcierter Benutzung des rechten Pedals mit 10,3 Litern im Durchschnitt.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-16

Harmonisches Fahrwerk, direkte Lenkung

Wenn es in die erste Kurve geht, fällt sie auf: Die Lenkung. Im normalen Fahrmodus fast schon zu leichtgängig und zu spitz, begeistert sie in „Dynamic“ mit einer natürlich wirkenden Direktheit, einem schönen Feedback und einer sehr angenehmen Gewichtung. Durch sie bekommt der Fahrer auch einen handfesten Eindruck davon, wie es um die Abstimmung von Fahrwerk und dessen Zusammenarbeit mit den dazugehörigen Reifen bestellt ist. Das optional verstellbare Fahrwerk (nur in „Dynamic“) bietet zwei Dämpferhärten und auch im „harten“ Modus noch genügend Restkomfort, um es auf abgelegenen Landstraßen mit der Oberfläche eines Schweizer Käse etwas schneller zu treiben. Dabei eliminiert es eine gewisse Wankneigung nicht vollständig. Was auch positiv bedeuten kann, dass sich der Fahrer fast immer ein wenig schneller fühlt, als er eigentlich ist. Und er ist dann meistens trotzdem zügig genug unterwegs.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-1

Allradantrieb: Nur, wenn es sein muss!

Einen mehr als unauffälligen Job macht dabei der serienmäßige Allradantrieb. Das liegt daran, dass er nur dann merklich Kraft an die Vorderachse gibt, wenn die Hinterräder ihre Haftungsgrenze erreichen, was bei trockenen öffentlichen Straßen und warmen Temperaturen auch sportiv gefahren eine Herausforderung darstellt. Traktionsprobleme kennt die Giulia auch aufgrund ihrer mehr als ordentlichen Gewichtsverteilung nicht, sodass „Q4“ seine Stärken vor allem bei schlechten Witterungsverhältnissen ausspielen dürfte.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-6

Die Reifen haben das Nachsehen

Was weder er noch die aufwendig konstruierte Vorderachse der Giulia austreiben können, ist eine gewisse Untersteuerneigung, die wir allerdings vor allem auf die montierten Reifen (Bridgestone Potenza S001) zurückführen. Bei der blitzschnellen Kombination aus Lenkung, Chassis und Fahrwerk waren die Reifen die Komponente, die am Ende das Nachsehen haben mussten. So fiel das kurvenäußere Rad in schnell gefahrenen Kurven häufiger mit leichtem Gripverlust auf, was zu einem einfach korrigierbaren Geradeausschieben führte.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-5

Wir hätten gerne was zum (selbst) Schalten

Haben wir sonst noch Wünsche? Ja, einen Handschalter. Nicht, weil die Achtgang-Automatik ihren Job nicht ordentlich machen würde. Sondern weil wir dann noch näher am Auto selbst gewesen wären. Der erwähnte Wandler erledigt den „Dienst nach Vorschrift“ und fiel uns ab und an mit deutlich spürbaren Gangwechseln auf, während die feststehenden Schaltwippen aus Aluminium sehr viel Freude bereiteten. Beim Beschleunigungsvorgang ansich machte sich allerdings zu oft der „Gummibandeffekt“ bemerkbar und wir kamen von dem Eindruck nicht los, dass der Wandler etwas von der nicht im Überfluss vorhandenen Leistung schluckte.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-8

Nicht den Anschluss verlieren

Etwas ernüchternd war darüber hinaus die Erkenntnis, dass man in Turin die Giulia offensichtlich seit 2016 in technischer Hinsicht kaum noch weiterentwickelt hat. In der heutigen Zeit für Bi-Xenon-Scheinwerfer 700 Euro zu verlangen halten wir bei einem Basispreis von knapp 60.000 Euro für einigermaßen frech. Auch das Infotainment-System, damals noch als BMW-Kopie (verhalten) gefeiert, macht schon rein optisch nicht mehr den frischesten Eindruck. Die Bedienung ist altbacken, die Materialanmutung nur teilweise (Carbonapplikationen, beledertes Armaturenbrett) hochwertig. Dinge, die der eingefleischte Alfisti gerne als gegeben hinnimmt, aber mit denen man BMW-, Audi- oder Daimlerkäufer nur schwer von ihren Ledersitzen lockt. Und Dinge, die vergleichsweise einfach zu verbessern sind, hat man bereits eine so vielversprechende Basis wie die Giulia.

Test Alfa Romeo Giulia Veloce TI-11

Fazit

Genau das möchte man den zuständigen Entscheidern gerne zurufen: Lasst die Giulia in den nächsten paar Jahren ihres Produktzyklus nicht versauern. Entwickelt sie weiter, macht sie noch besser als sie am Anfang ihres Lebens war und lasst ihr das angeborene, leicht ungestüme Wesen. Nur dann kann sie der ihr aufgetragenen Herausforderung gerecht werden. Das Erbe eines großartigen Automobils und einer großartigen Marke fortzutragen. (Text und Bild: Maximilian Planker)

Technische Daten*

  • Modell: Alfa Romeo Giulia Veloce Ti
  • Motor: Vierzylinder-Reihe, Turbo, 1.995 ccm
  • Leistung: 280 PS (206 kW) bei 5.250 U/min
  • Drehmoment: 400 Nm bei 2.250 U/min
  • Antrieb: Allradantrieb, 8-Gang-Automatikgetriebe
  • Verbrauch (ECE): 7,7 l S/100 Km
  • Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 5,2 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 4,64 m/ 1,86 m/ 1,43 m
  • Gewicht: 1.650 Kg
  • Grundpreis: ab 59.500 Euro

*Herstellerangaben

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