Erster Test Kia PV5 (Cargo): Angriff auf VW e-Transporter und ID. Buzz

Der Kia PV5 auf einen Blick
Was wir mögen
Dass Preis und Qualität nicht zwangsläufig im Widerspruch stehen.
Was wir vermissen
Bequemere Sitze in der Cargo-Variante.
Ideal, wenn …
… viel Platz für Menschen, Gepäck oder beides gefragt ist.
Die Alternativen
VW e-Transporter, VW ID. Buzz, Ford E-Tourneo Custom, Hyundai Staria Elektro uvm.
Die PV5-Studie ging fast 1:1 in Serie
Nicht wenige dürften gestaunt haben, als sie die Konzeptstudie des Kia PV5 Anfang 2024 auf der CES in Las Vegas erstmals zu Gesicht bekamen. Das Boxdesign mit kurzen Überhängen und prägender Lichtsignatur wirkte derart futuristisch, dass wohl kaum jemand mit einer nahezu unveränderten Serienversion gerechnet hatte.
Gut ein Jahr später wurden die Zweifler dann eines Besseren belehrt – ernsthafte Gegenrede gibt es kaum noch. Kia meint es mit dem Einstieg ins leichte Nutzfahrzeuggeschäft so ernst, dass für die neue PV-Modellreihen gleich ein neues Werk im südkoreanischen Hwaseong aus dem Boden gestampft wurde. Und wer nun meint, Kia habe auf diesem Feld keine Erfahrung, irrt ebenfalls: Schon seit Jahrzehnten baut der Hersteller für den Heimatmarkt unter anderem Busse, Lkw und sogar Militärfahrzeuge.
Varianten und Preise
Wir konnten uns nun erstmals zwei der drei möglichen Basiskonfigurationen des rein elektrischen PV5 näher anschauen und Probe fahren: zum einen den PV5 Cargo (ab 39.190 Euro), der als Gegenspieler zum VW e-Transporter gezielt gewerbliche Kunden anspricht, zum anderen den PV5 Passenger (ab 38.290 Euro), der neben Flottenkunden im Taxigeschäft auch Familien mit erhöhtem Platzbedarf adressiert.
Positioniert wird der Passenger als preisbewusste Alternative insbesondere zum VW ID. Buzz (ab 49.997,85 Euro) sowie zum VW e-Transporter Kombi (ab 62.760,60 Euro). Neben den ausgebauten Varianten bietet Kia zudem ein PV5 Chassis Cab an, das anschließend mit einem individuellen Aufbau versehen werden kann. Alle ab Werk ausgebauten Versionen sind zunächst in einer einheitlichen Länge von 4,70 Metern erhältlich – weitere Karosserie- und Ausstattungsvarianten sollen folgen.
Den Cargo wird es zukünftig etwa in den Varianten L1H1, L2H1 und L2H2 geben. Die größte Ausführung soll bis zu 5.100 Liter Stauraum bieten. In der hohen Version wird der PV5 zudem als Walk-Through-Variante angeboten, bei der der Fahrer direkt vom Sitz aus in den Laderaum wechseln kann – praktisch etwa für Paketlieferdienste. Eine Crew-Van-Version mit verschiebbarer Trennwand und bis zu vier Sitzplätzen ist ebenfalls in Arbeit.
Der Kia PV5 Cargo Elite setzt auf solide Elektrotechnik
Wenngleich sich wohl die wenigsten Gewerbetreibenden letztlich für die Top-Version mit bis zu 120 kW (163 PS) entscheiden dürften (die Basisversion leistet ausreichende 89 kW (122 PS)), schickte uns Kia dennoch mit genau dieser stärkeren Motorisierung durch den Großstadtdschungel von Barcelona.
In Verbindung mit der 71,2 kWh großen Batterie sollen Reichweiten von bis zu 416 Kilometern möglich sein. Schafft er das? Mit einem kombinierten Testverbrauch von rund 17 kWh pro 100 Kilometer erscheint der WLTP-Wert zumindest nicht gänzlich unrealistisch.
Geladen wird der Akku mit bis zu 150 kW (DC). Bereits dieser Wert verdeutlicht, dass der PV5 auf eine 400-Volt- und nicht auf eine 800-Volt-Architektur setzt. Die Ladezeit von zehn auf 80 Prozent soll laut Hersteller trotzdem nur rund 30 Minuten betragen. Ein klarer Vorteil für den innerstädtischen Einsatz ist zudem die Möglichkeit, an AC-Ladesäulen mit bis zu 22 kW zu laden. Der Ladeanschluss sitzt mittig in der Fahrzeugfront.
Neben dem 71,2-kWh-Akku werden alle Versionen auch mit einer 51,5 kWh großen Batterie angeboten. Speziell für den Cargo ist darüber hinaus eine kleinere Batterie mit rund 43 kWh geplant, die gezielt für den reinen Stadteinsatz gedacht ist.
Dank der Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) lassen sich auch externe Geräte wie etwa eine mitgebrachte Tischkreissäge über den auf 220 Volt transformierten Batteriestrom betreiben.
Ein Nutzfahrzeug mit Pkw-Fahreigenschaften
Die Leistungsentfaltung des 120 kW starken Frontmotors zeigt sich souverän – trotz gut 200 Kilogramm Zusatzgewicht im Laderaum des Testfahrzeugs. Einerseits will Kia mit gefüllten Sandsäcken eine realistische Transportsituation simulieren, andererseits die sonst oft hölzerne Federung bei geringer Beladung entschärfen.
Da der PV5 auf einer weiterentwickelten Pkw-Plattform (E-GMP.Service) basiert, bewegt er seine Passagiere angenehm komfortabel von A nach B. Hier hat er so manchem Ford/VW-Produkt spürbar etwas voraus. Gleiches gilt für die Lenkung, die angenehm gewichtet ist und auch flottere Kurvenfahrten zulässt. Der Wendekreis liegt bei rund elf Metern, was dem eines VW Golf entspricht. Gebremst wird per Rekuperation oder über Stahlbremsen – sowohl an der Vorder- als auch an der Hinterachse.
Platz ohne Ende, Sitze mit Verbesserungspotenzial
Nutzfahrzeuge versprühen im Innenraum meist einen ganz eigenen Charme – nicht so der PV5. Bereits die Cargo-Variante präsentiert sich ordentlich verarbeitet und mit einer annehmbaren Materialqualität. Selbstverständlich dominieren Kunststoffe, doch wir kennen Premiummarken, die in ihren Mittelklasselimousinen günstigeres Plastik verbauen.
Alles sitzt, passt und hat Luft, das Lenkrad liegt gut in der Hand, das Infotainment-System lässt sich intuitiv bedienen. Ein entscheidender Unterschied etwa zu EV3 oder EV5 besteht darin, dass die Kia-Nutzfahrzeuge ein eigenes Betriebssystem nutzen. Es basiert auf Android Automotive und soll insbesondere die Integration von Drittanbieter-Apps erleichtern. Beim ersten Check empfanden wir die Bedienung sogar angenehmer als bei den Pkw-Modellen: Der Aufbau ist selbsterklärend, die Menüführung logisch.
Das Display hinter dem Lenkrad misst 7,5 Zoll, der zentrale Touchscreen kommt auf 12,9 Zoll. Smartphone-Konnektivität, Over-the-Air-Updates sowie eine Smartphone-basierte digitale Schlüsselfunktion gehören zu den digitalen Optionen des PV5.
Ebenfalls gelungen sind die zahlreichen Ablage- und Staufächer in der Fahrerkabine. Unter der durchgehenden, allerdings nur mäßig befestigten Fußmatte vorne verbergen sich sogar zwei zusätzliche Ablageorte – leider ohne Ablaufstutzen. Andernfalls ließen sie sich, ähnlich wie bei einem RAM Pick-up, sogar als improvisierter Eis-Getränkekühler nutzen.
Größter Kritikpunkt im PV5 Cargo bleiben jedoch die Sitze. Zwar finden selbst großgewachsene Personen jenseits der 1,90 Meter ausreichend Platz und können das Gestühl weit genug nach hinten verschieben, doch bereits nach kurzer Zeit machten sich durch die Sitzposition Rückenbeschwerden bemerkbar.
Der PV5 Passenger ist ein Tanzsaal auf Rädern
Zwar nutzt auch der PV5 Passenger die gleichen Sitze, immerhin lässt sich hier jedoch, bedingt durch die fehlende Trennwand, die Rückenlehne in der ersten Reihe etwas komfortabler einstellen. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Vordersitze insgesamt recht schmal ausfallen.
Ein völlig anderes Bild ergibt sich auf der Rücksitzbank. Tanzsaalartig fällt die Beinfreiheit aus – unabhängig davon, wie weit die Vordersitze nach hinten geschoben werden. Die großen Schiebetüren lassen sich optional elektrisch öffnen und schließen, die Einstiegshöhe von knapp 40 Zentimetern ist erfreulich niedrig und wird ihren Vorteil besonders bei der zu einem späteren Zeitpunkt folgenden rollstuhlgerechten Variante ausspielen.
Geht es um das Ladeabteil, bleiben selbst beim Fünfsitzer noch 1.310 Liter für Gepäck übrig. Werden alle Sitze umgelegt, wächst das Ladevolumen auf bis zu 3.600 Liter. Eine vollständig ebene Ladefläche entsteht aufgrund der hoch bauenden Rückbank allerdings nicht. Deren Ausbau ist nicht vorgesehen.
Im weiteren Jahresverlauf sollen zudem eine Sechs- und eine Siebensitzer-Variante folgen. Die Sechssitzer-Version verzichtet dabei optional auf den Beifahrersitz und schafft so Platz für sichtbar verstautes Gepäck – etwa im Taxibetrieb. Mit dem sogenannten "Kia AddGear" bekommt der Fahrzeugnutzer zudem eine Plattform an die Seite gestellt, die es erlaubt, Zubehörteile wie etwa Getränkehalter oder Ähnliches an vielen verschiedenen Stellen im Fahrzeuginnenraum zu befestigen. Hier verfolgt Kia eine ähnliche Strategie wie Dacia mit seinem YouClip-System.
Erstes Fazit
Am Ende wird deutlich, dass Kia im Vorfeld intensiv mit potenziellen Kunden gesprochen hat. Der PV5,sowohl als Cargo- als auch als Passenger-Variante, ist konzeptionell durchdacht, sauber verarbeitet und bietet eine solide Batterie- und Antriebstechnik. Hinzu kommen moderne Assistenzsysteme und ein insgesamt sehr vernünftiger Preis. Vor allem beim Thema Sitzkomfort sehen wir allerdings noch Verbesserungspotenzial. Trotzdem gilt es für Ford und Volkswagen aufzupassen: Hier entsteht gerade etwas Großes! (Text: Thomas Vogelhuber | Bilder: Hersteller)
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