Neuer Mercedes-Benz EQS (2026): Der Mensch denkt, das Auto lenkt

Größere Batterie, schneller Laden, neue Optik: Mercedes-Benz wertet seine elektrische S-Klasse auf. Bei der Lenkung des EQS setzten die Stuttgarter ein Ausrufezeichen. Als erster Hersteller führt Daimler Steer-by-Wire ein. Lenken ohne Lenksäule. Das hat viele Vorteile.

Der Mercedes-Benz EQS auf einen Blick


Was uns gefällt

Die neue Front mit dem Power-Dome auf der Haube.

Was wir vermissen

… den rahmenlosen Hyper-Screen aus dem GLC.

Ideal wenn …

… ein „grüner“ Dienstwagen gesucht wird.

Die Alternativen

BMW i7, Lucid Air, Tesla Model S, Porsche Taycan


Stärken

  • Große Reichweite
  • Schnelles Laden
  • Oberklasse-Komfort

Schwächen

  • Dem Heck fehlt es etwas an Proportion
  • 22 kW-Lader nur optional

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Lenken nur mit Kabel – wir haben es ausprobiert

Von den Experten gelobt, von den Kunden missachtet – der Mercedes-Benz EQS hat nie die großen Erwartungen erfüllt. Die elektrische S-Klasse enttäuschte vor allem beim Design, weil die Limousine einfach nicht nach Daimler aussah und die klassische Eleganz vermissen ließ. In den USA war die Konkurrenz mit dem günstigeren Tesla Model S zu stark. Und auch in China floppte die Elektro-Limousine. Zum einen, weil die lokalen Mitbewerber innovativer und billiger waren, und zum anderen, weil die standesbewussten Chinesen in der Luxusklasse dann doch lieber auf prestigeträchtigere Verbrenner setzten.

Mit dem Facelift der 2021 gelaunchten Limousine wollen die Stuttgarter nun die größten Fehler ausmerzen und technologisch sogar einen Schritt nach vorne machen. Als erster Hersteller bringt Mercedes die Steer-by-Wire-Technologie in ein Serienfahrzeug. Das heißt: Die Lenkbefehle werden nicht mehr über eine Stange, sondern per Kabel an das Lenkgetriebe übertragen. Wie sich das anfühlt, das konnten wir auf einer abgesperrten Teststrecke selbst ausprobieren.

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Kühlergrill mit Chrom, Cockpit mit offenporigem Holz

Aber zunächst einmal zum optischen Facelift des EQS. Das Design wurde aufgewertet und orientiert sich jetzt wieder näher an der S-Klasse. Das heißt, der Kühlergrill ist nicht mehr länger ein schwarzes glattes Panel, sondern glänzt ganz traditionell mit Chrom-Lamellen – und der Stern kommt auch wieder auf die Haube. Hell erleuchtet in technisch liberaleren Märkten wie USA und China. Leider nicht in Europa. Im Interieur zieht gediegener Luxus ein. Zum Beispiel mit dem Zierelement „Holz Pappel anthrazit offenporig“ oder mit dem Nappa-Paket, das mit der Lorbeer-Ziernaht das Mercedes-Logo zitiert. Dazu kommen einige Details, die es auch in der neuen S-Klasse gibt. Zum Beispiel die beheizbaren Sicherheitsgurte oder die beiden 13-Zoll-Bildschirme mit eigener Fernbedienung für die Passagiere im Fond.

Dem Fahrer steht ein großer, sich über das ganze Armaturenbrett erstreckender Bildschirm zur Verfügung. Er klammert drei einzelne Displays. Der noch imposantere Hyper-Screen, bei dem die einzelnen Anzeigen rahmenlos ineinanderfließen, bleibt weiterhin dem neuen GLC vorbehalten – und den Modellen, die Mercedes heuer noch in der Pipeline hat, wie zum Beispiel der neuen C-Klasse. Dafür sind Soft- und Hardware auf der Höhe der Zeit. Das neue Betriebssystem MB.OS ist an Bord, ausgerüstet mit verschiedenen KI-Systemen, die sogar einen längeren Dialog mit dem Fahrer ermöglichen sollen.

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Neuer Akku lässt die Reichweite auf über 900 Kilometer wachsen

Ebenfalls nachgerüstet haben die Stuttgarter bei Batterie und Antrieb. Der EQS 450+ bekommt ebenso wie EQS 500 und 580 einen 122 kWh großen Akku. Damit sollen Reichweiten bis zu 925 Kilometern drin sein. Das Einstiegsmodell EQS 400 muss mit 112 kWh auskommen und soll auch noch 815 Kilometer packen. Gleichzeitig hat Mercedes vom alten 400-Volt- auf das neue 800-Volt-System umgestellt. Das heißt: Schneller laden mit bis zu 350 kW. Die 31-minütige Ladezeit von 10 auf 80 Prozent beim Vorgängermodell sinkt jetzt auf 20 Minuten.

Anders ausgedrückt: Der EQS tankt 320 Kilometer Reichweite in 10 Minuten. Angetrieben wird der elektrische Luxus-Liner mit neuen. im eigenen Haus entwickelten E-Motoren. Einer vorne, einer hinten – damit hat der EQS Allradantrieb. Die Leistung liegt zwischen 270 kW / 367 PS und 430 kW / 585 PS. Damit erledigt die elektrische E-Klasse den Spurt von 0 auf Tempo 100 z in 4,2 bis 5,2 Sekunden. Der Verbrauch soll zwischen 15,4 und 19,5 kWh liegen – und damit ziemlich niedrig für eine Limousine, die satt über zwei Tonnen wiegt. Höher wird es bei den Preisen: Sie liegen zwischen 94.403 und 134.732 Euro. Interessanterweise deutlich unter der neuen S-Klasse, die bei 121.000 Euro startet.

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Das flache Lenkrad erinnert an eine Spielkonsole

Mag die Konkurrenz über den beheizbaren Sicherheitsgurt noch unter dem Motto lästern, „Ja, fällt denen in Stuttgart gar nichts mehr ein“, dann sollten sie bei der Lenkung des EQS genauer hinschauen. Denn schon bald soll die Steer-by-Wire-Technologie hier Einzug halten. Sichtbares Zeichen dafür ist das extrem flache und rechteckige Lenkrad, das an eine Spielkonsole erinnert. Steer by wire heißt übersetzt so viel, wie „lenken mit Kabel“.

Das wiederum bedeutet, dass es keine mechanische Verbindung mehr zwischen dem Volant und den Rädern gibt. Sensoren am Lenkrad erfassen den vom Fahrer gewünschten Lenkwinkel. Die Daten werden in einem Steuergerät verarbeitet und via Kabel an die Elektromotoren übermittelt, die wiederum die Räder entsprechend einschlagen. Weil die physische Verbindung fehlt, kann die Lenkübersetzung reduziert werden. Bis zu 170 Grad – das heißt, ein Umgreifen ist nicht mehr notwendig.

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Mit dieser Lenkung kann jeder auf Eis driften

Das haben wir auf einer abgesperrten Strecke auf einem mit Pylonen ausgesteckten Slalom-Kurs ausprobiert. Zunächst mit einem konventionellen Lenkrad, dann mit der Steer-by-Wire-Technologie. Fühlt sich zunächst komisch an, wenn man mit so viel weniger Einschlag um die Kurven zirkelt. Man gewöhnt sich jedoch so schnell daran, dass einem die anschließende Runde mit dem normalen Lenker noch komischer vorkommt. Die neue Technologie hat einige Vorteile. Zum Beispiel werden unerwünschte Vibrationen von der Fahrbahn nicht mehr ans Lenkrad weitergereicht.

Die Rückstellkräfte hingegen kann man fühlen, weil sie modellbasiert berechnet und über einen Aktuator am Volant an den Fahrer gemeldet werden. Dadurch bleibt das Lenkgefühl natürlich. Mit Steer-by-Wire wird auch sportliches Fahren unter extremen Bedingungen einfacher. Untersteuern in Kurven? Geschichte, weil die Software rechtzeitig korrigiert. Und sogar ein Drift-Modus, bei dem der Lenkwinkel in der optimalen Position gehalten wird, ist schon in Planung. Wie uns ein Entwickler verraten hat, sind entsprechende Tests auf Eisflächen im winterlichen Lappland mehr als erfolgreich verlaufen.

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Wenn das System versagt, dann springt das zweite ein, und dann das dritte

Wer um die Sicherheit besorgt ist, weil rein elektronisch gelenkt wird, der kann beruhigt werden. Steer-by-Wire wurde redundant ausgelegt. Das funktioniert so wie bei einem Flieger. Fällt ein System aus, springt das zweite ein. Beim Mercedes EQS bedeutet das: Überholmanöver können bis zum Ende ausgeführt werden, das Auto fährt über zehn Minuten weiter mit Tempo 90. Damit soll auch Europas längster Straßen-Tunnel, der Lærdalstunnel in Norwegen (24,5 Kilometer), ohne Stopp bewältigt werden. Fällt das zweite System aus – auch dann bewegt sich der Mercedes weiter. Dank Hinterachslenkung und Bremseingriffen an der Vorderachse. Dann allerdings nur noch mit zehn Stundenkilometern.

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Erstes Fazit

Der neue Mercedes-Benz EQS sieht endlich wie ein echter Daimler aus. Dass die elektrische S-Klasse mittlerweile über 900 Kilometer weit kommt und mit bis zu 350 kW geladen werden kann, sind weitere Kaufargumente. Richtig schlagend ist allerdings der Preis, der deutlich unter dem der S-Klasse liegt. Und wer modernste Technologie wie Steer-by-Wire haben will, der kommt am EQS eigentlich nicht vorbei. Man möchte dem Auto wünschen, dass es weiterhin von den Experten gelobt, aber auch von den Kunden geliebt wird. (Text: Rudolf Bögel | Bilder: Hersteller)

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Rudolf Bögel

Rudolf Bögel ist seit 2022 freier Redakteur bei AutoScout24. Er schwärmt für elegante Limousinen und drehfreudige Saugmotoren, fährt privat jedoch überwiegend elektrisch: im Honda e, gespeist von der eigenen PV-Anlage. Seine heimliche Leidenschaft gilt Oldtimern – vom Mercedes-Benz 190 „Heckflosse“ über den Triumph Spitfire Mk II bis hin zum Ford Granada Coupé 2.6 Ghia. Über Geschmack lässt sich streiten, über gute Autos nicht.

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