Test: BMW 320d GT – Der Besser-3er?

Neben Limousine, Kombi und Coupé gibt es neuerdings den GT, der im Fond Oberklasse-Beinfreiheit sowie einen kombiartigen Stauraum bietet und mit eigenwilliger Coupéoptik gefallen will. Insofern könnte man meinen, der GT böte das Beste aus drei Welten. Doch ist er tatsächlich der 3er der Wahl? Bereits zu Zeiten der klassischen Unterteilung der 3er-Baureihe in Limousine, Kombi und Coupé stand wohl so mancher vor der Frage: Für welchen 3er entscheiden? Da bietet der neue GT einen interessanten Kompromiss, denn hier vereinen sich die Eigenschaften der alten 3er-Dreifaltigkeit in einem Fahrzeug. Zwar kann der GT optisch nicht mit der gestreckten, flachen Eleganz beeindrucken, welche das mittlerweile zum 4er aufgestiegene Coupé bietet. Doch die nach hinten langsam abfallende Dachlinie, die rahmenlosen Türen oder die kleinen Belüftungsschlitze in den vorderen Kotflügeln verleihen dem GT eine elegante Ausstrahlung und Schnittigkeit. Aus manchem Blickwinkel mutet der mächtige 3er allerdings monumental an und wirkt das Blechkleid nicht ganz so perfekt sitzend wie bei den anderen 3er-Derivaten.
Langer Verwöhn-3er
Ob man nun von der Außenhaut angetan ist oder ob des wuchtigen Hecks und 4,82 Meter Länge vielleicht doch etwas stirnrunzelnd den Gran Turismo entert: Das wohnliche und moderne Ambiente der Fahrgastzelle macht jegliches kontroverse Empfinden wieder vergessen. Einerseits ist hier alles sehr vertraut und doch ist der 3er zugleich ein Auto, welches - zumindest als besonders gut ausgestattetes Test-Exemplar – mit einer faszinierenden Hightech-Welt empfängt. Besonders beeindruckend ist das Super-Navi mit riesigem Bildschirm, welches mit seiner Darstellung, Bedienbarkeit und Funktionalität als Maß der Dinge angesehen werden darf.
Noch imposanter ist allerdings die Sitzprobe im Fond, der neben dem bequemsten Einstieg in die 3er-Welt auch noch eine fürstliche Bein- und Kopffreiheit bietet und seine Gäste mit dem herrlich entspannendem Lounge-Gefühl einer Business-Klasse verwöhnt. Hier mag man sich gerne auch länger aufhalten. Allerdings höchstens zu zweit, denn angesichts des wuchtigen Kardantunnels bietet der mittige Sitzplatz der Rückbank, wie bei allen 3er-Derivaten, eher Notsitz-Charakter, wenngleich auch hier ein Dreipunktgurt und eine Kopfstütze eine vollwertige Nutzbarkeit vorschlagen.
Mehr Platz als ein Kombi
Die im Wortsinn größte Offenbarung bietet der 3er GT allerdings mit seinem Kofferraum. Dieser lässt sich, sofern man die Hände gerade nicht frei hat, mit einem kurzen Fußwedeln unter der Heckschürze öffnen (Aufpreis 590 Euro). Die enorm lange Klappe erhebt sich dann, übrigens serienmäßig, rein elektrisch wie von Geisterhand und eröffnet den Zugang zu einem einerseits edel ausgekleideten als auch äußerst geräumigen Kofferraum. Praktisch: Der hintere Teil der Kofferraumabdeckung hebt sich zusammen mit der Heckklappe nach oben und ist die Öffnung zum Gepäckabteil entsprechend riesig. Angesichts der flauschig-hellen Auskleidung hat man allerdings Skrupel, den Kofferraum zu beladen, da man diese behagliche Pracht ihrer Jungfräulichkeit nicht berauben mag.
Dabei passt mit 520 Liter in das Standardgepäckabteil sogar 25 Liter mehr als in den 3er Touring. Die in der Neigung um 15 Grad verstellbare Rückbanklehne kann über sehr solide wirkende Hebeln vom offenen Kofferraum aus auch komplett umgelegt werden. Die Lehne klappt dabei dreigeteilt im Verhältnis 40:20:40 flach weg. Der entsprechend ebene Kofferraum ist gut für 1.600 Liter und bietet mehr Platz als viele Kombis der Mittelklasse. Verzurrösen, ein Seitenfach und ein Schienensystem erlauben es außerdem, das Ladegut zu ordnen und zu sichern. Für kleinere Utensilien ist zudem noch unter dem Ladeboden Platz. Clever: Hebt man diesen an, wird er von einer Gasdruckfeder gehalten.
Lauter, schwerer …
Wer sich mit diesen vielen praktischen Aspekten des Fonds auseinandersetzt, wird den 3er GT zunächst einmal als optimales Familien- und Komfortauto wahrnehmen und könnte allein dieser Umstand eigentlich dazu verleiten, den GT als den besten 3er zu preisen. Seine ach so praktische Karosserie geht allerdings mit ein paar Nachteilen einher. Der im GT schon recht hohe Akustikkomfort ist vor allem im Hochgeschwindigkeitsbereich dem der 3er Limousine unterlegen, die selbst noch bei Topspeed mit vorbildlicher Ruhe verwöhnt.
Und auch querdynamisch kann der GT mit seinen Braureihen-Brüdern nicht ganz mithalten. Da ist zum einen der etwas höhere Schwerpunkt und das insgesamt auch höhere Gewicht. Immerhin 65 Kilogramm mehr als der Touring und 110 Kilogramm mehr als das 4er Coupé bringt der GT auf die Waage. Bei flotten Kurvenfahrten, die selbst der Gran Turismo auf hohem Spaßniveau meistert, muss man im Vergleich zu anderen 3er-Derivaten in jedem Fall Abstriche hinnehmen.
… und langsamer
Auch antriebsseitig fährt man mit dem GT hinterher. Zwar lässt der Zweiliter-Vierzylinder des 320d in Kombination mit der Achtgang-Automatik auch im GT keinen Zweifel daran, der wohl derzeit beste Dieselantrieb auf dem Markt zu sein, doch ist die Performance in anderen 3er-Varianten eben nochmal eindrucksvoller. Der 320d GT braucht für den 100-km/h-Sprint 7,9 Sekunden und schafft maximal 226 km/h, wobei es zur Erreichung dieses Wertes recht viel Anlauf braucht. Mit dem identischen Antrieb hakt ein 4er Coupé den Standardsprint 0,6 Sekunden früher ab und sind maximal immerhin 232 km/h drin. Mit manuellem Getriebe schafft der 4er sogar 240 km/h. In unserer vom Hochgeschwindigkeits-Wahn geprägten Gesellschaft liefert der GT also nicht die überzeugendsten Argumente.
Und obwohl der GT längsdynamisch mit seinen gleichstarken Brüdern nicht ganz mithalten kann, neigt er zu einem höheren Spritkonsum. Theoretisch ist der Normverbrauch mit 4,9 Liter um einen halben Liter höher als beim normalen 320d. Praktisch ist dieser Unterschied ebenfalls messbar. Glatt sechs Liter haben wir bei gemäßigter Fahrweise alle 100 Kilometer verfeuert, während Express-Etappen mit acht Litern geahndet wurden. Mit der 3er Limousine waren wir rund zehn Prozent effizienter unterwegs.
Nichts für Sparnaturen
Doch selbst mit diesen Trinksitten gehört ein 320d GT beim Spritkonsum noch zu den sparsamen Vertretern der Mittelklasse. Richtig happig wird es erst beim Kaufpreis. 39.400 Euro kostet beim GT die 320d-Basis, für die herrliche Achtgang-Automatik werden 2.150 Euro Aufpreis fällig. Darüber hinaus bot unser Testexemplar eine Vielzahl von Annehmlichkeiten, auf die man eigentlich nicht verzichten mag, wenn man sie einmal praktisch genutzt hat. Der Abstandstempomat (1.100 Euro), die angesichts der nach hinten recht unübersichtlichen Karosserie unverzichtbare Rückfahrkamera (420 Euro), das Head-up-Display (980 Euro), das adaptive Fahrwerk (1.100 Euro) oder das Navigationssystem Professional (2.390 Euro) sind nur eine kleine Auswahl attraktiver und praktischer Extras.
Der Preis eines 3er GT mit Diesel lässt sich locker auf 50.000 Euro oder gar 60.000 Euro treiben. Uiuiui. In puncto Preispolitik ist der GT seinen 3er-Brüdern damit aber ebenbürtig und verlangt BMW für das Flaggschiff der Baureihe lediglich einen grundsätzlichen Aufschlag von 1.500 Euro im Vergleich zum 3er Touring. Einen 3er fahren ist also ein immer auch teures Vergnügen und im Fall des GT lediglich etwas teurer. Wer den Innenraum des 3er GT inspiziert und vor allem das herrlich großzügige Platzangebot im Fond genießt, wird begeistert sein. Auch mit seinem riesigen und praktisch sehr gut nutzbaren Kofferraum kann das Flaggschiff der 3er-Baureihe sich wärmstens für den Familienbetrieb empfehlen. Damit hat es sich dann aber auch mit den objektiven Vorteilen. Möglicherweise kann sich noch der ein oder andere für die Optik mehr als für die der anderen 3er erwärmen. Aber das ist dann vor allem eines: Geschmackssache.
Objektiv gibt es in jedem Fall handfeste Nachteile, die so ein GT mit sich bringt. So ist der größte 3er aller Zeiten vergleichsweise schwer und unter anderem deshalb im Vergleich zu seinen Baureihen-Brüdern weniger flott unterwegs. Sei es in Kurven oder beim Durchzug und der Endgeschwindigkeit: Der GT fährt fühl- und messbar hinterher. Ein höheres Windgeräuschniveau, ein Mehrverbrauch und ein höherer Preis sind weitere Aspekte, welche die anfängliche Begeisterung zumindest etwas dämpfen. Aber: Fondgäste, die die herrliche Beinfreiheit genießen, werden solchen Petitessen keinerlei Bedeutung beimessen.
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